"When leviathans are young, they often play with a planet's gravity...see how close they can come." -Pilot (I, E.T.) |
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Von Ann Harrington Autor: Ann Harrington E-mail: NGMA607@aol.com Übersetzung: Bastet-X, E-mail: Bastet-X@gmx.de Kategorie: Action [D] Rating: PG 13 Spoiler: handelt vor „Kanonen, Lügner und Moneten“, es stellt also inzwischen so eine Art Alternativuniversum dar, da die Geschichte ja weitergedreht wurde Inhalt: Scorpius macht Crichton ein Angebot, das er nicht ablehnen kann Anmerkung: Disclaimer: Farscape is owned by The Jim Henson company, Hallmark Entertainment, Nine Network Australia and the Sci-Fi Channel. They own all rights to characters mentioned within this story. I have merely borrowed these characters to play with, and promise to return them in good working order. Teil 1 Sengende Hitze verbrannte seine Fingerspitzen und John Crichton ließ den Plasmaschweißer mit einem überraschten Fluch fallen. Er fiel klirrend auf den Boden des Shuttledecks, während John seine Hand in dem Versuch schüttelte, den stechenden Schmerz zu lindern. „John, du paßt nicht auf. Du musst dich konzentrieren.“ Sagte eine sanfte Stimme. John Crichton drehte sich nicht herum. Er wusste dass dort niemand zu sehen war. Die Stimme war sein Quälgeist, seiner ganz alleine. Sein Blick blieb auf der linken Schwinge des Farscape Moduls liegen. Wie lange war er schon hier unten? Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, dass er auf das Shuttledeck herunter gekommen war, oder dass er beschlossen hatte, dass es heute an der Zeit war, die Mikrometeoreinschläge zu reparieren, die die Maschine während seines letzten Ausfluges erhalten hatte. Und dennoch musste er es wohl getan haben, denn die Löcher waren sauber verschweißt und seine Hand, die über den Flügel strich, konnte keinen Fehler entdecken. Nicht dass er seinen eigenen Augen oder etwa seinem Tastsinn getraut hätte. Er würde die DRDs gleich noch einen ordentlichen Scan machen lassen. „Du musst vorsichtig sein, John.“ Erinnerte ihn die Stimme. Crichton sagte nichts. Manchmal, wenn er sie ignorierte, verschwand die Stimme wieder. Ein anderes Mal tat sie es nicht. Wenigstens war es dieses mal nur eine Stimme. Die war einfacher zu verleugnen als die optischen Halluzinationen. Warum musste es ausgerechnet Scorpius sein, den er in seinen Visionen sah und hörte. Warum konnte es nicht einfach einer der Leute sein, die behaupten sie hätten Elvis gesehen oder ein sechs Fuß hohes Kaninchen? „Weil du dich vor einem sechs Fuß großen Kaninchen nicht fürchtest.“ Sagte er laut. Und er fürchtete sich vor Scorpius. Oder genauer gesagt, vor dem was er mit ihm machen würde, wenn er ihn erneut gefangen nahm. John hatte einige Tage in Scorpius Obhut überlebt. Gerade so. Selbst jetzt noch verursachten die Erinnerungen an die Zeit, die er im Aurorastuhl verbracht hatte, einen Knoten in seinem Magen und schickten ihm einen kalten Schauer den Rücken hinunter. John konnte es nicht ertragen. Nicht noch einmal. Eher würde er sich selbst das Leben nehmen, bevor es noch einmal dazu kam. Und dennoch war die Furcht vor Scorpius eine alte. Sie war immer noch da aber inzwischen teilte sie sich den Platz mit einer neuen. Langsam aber unaufhaltsam, verlor John den Bezug zur Realität. Es waren nicht nur die Halluzinationen, oder die Unterhaltungen die er mit jemandem führte, den niemand sonst sehen oder hören konnte. Es zeigten sich auch Lücken in seiner Erinnerung, Zeiten von denen er keine Ahnung hatte, wo er gewesen war oder was er getan hatte. So wie heute. Er erinnerte sich an den Morgen und an das Frühstück. Rygel redete über seine hynerianischen Lieblingsdelikatessen. Es schien nur Augenblicke her zu sein, dass er aufgestanden war und seine nicht angerührte Ration für Rygel zurück ließ. Aber seine Uhr zeigte an, dass es nun tief in der Nacht war, oder Schlafzyklus, wie es die anderen nannten. Wohin waren die fehlenden Stunden verschwunden? Wo war er gewesen? Und was hatte er getan? Seit seiner überstürzten Ankunft auf Moya hatte Crichton hart daran gearbeitete, seinen Wert zu beweisen und sich die Akzeptanz der Crew zu verdienen. Sie hatten gelernt ihm zu vertrauen und er hatte gelernt ihre Freundschaft zu schätzen. Aber nun ging all das langsam verloren. Es wurde immer schwieriger, seine wachsende Schwäche vor seinen Freunden zu verbergen. Er wusste dass Aeryn etwas ahnte. Er musste ihr einiges erzählen, denn er war gezwungen zu erklären, warum er sie mit einem Schuss auf jemanden, der nur eine Halluzination war, beinahe getötet hatte. Und Zhaan war ruhig aber ihre Augen sahen viel mehr als sie sagte. Oft dachte er daran sie um Hilfe zu bitten und erinnerte sich an die Einheit, die er einmal mit ihr geteilt hatte. Aber jedes Mal hielt ihn etwas in seinem Inneren zurück, bevor er die Worte formulieren konnte. Vielleicht war es so weil er längst wusste, dass es nichts gab was sie zu seiner Hilfe tun konnte. Niemand konnte das. Seine Ängste zuzugeben, würde den Tag an dem seine Verfassung entdeckt wurde nur noch schneller herbeiführen, und dann war die Crew gezwungen etwas zu unternehmen. Also hatte er gelernt nicht darauf zu reagieren wenn er eine Stimme hörte, die nicht da war, oder etwas sah was sonst niemand sah, oder wenn das andere Dutzend Möglichkeiten eintrat, das die Tatsache enthüllen konnte, dass sich John Crichton nicht mehr unter Kontrolle hatte. Welche Wahl hatte er denn? Sollte er die Crew zusammen rufen und es ihnen sagen? Er sah es ganz deutlich vor sich, alle waren im Gemeinschaftsraum versammelt und er sagte: „Wisst ihr was? Es hat sich rausgestellt dass Aeryn recht hatte. Menschen vertragen den Raum nicht besonders gut. Ich bin dabei überzuschnappen. Entschuldigt bitte die Unannehmlichkeiten.“ Und wenn er es zugab, was würden sie dann tun? Sie waren seine Freunde, aber sie konnten ihn nicht vor sich selbst retten. Früher oder später mussten seine Freunde handeln, mehr zu ihrer eigenen Sicherheit als zu seiner. Würden sie ihn von Moya verbannen, ihn zurück lassen, damit er seinen Weg allein fand? Oder würden sie ihn in eine Zelle sperren und hilflos zusehen wie er immer tiefer in den Wahnsinn abrutschte? Hatte jemand genug Mitleid sein Leben zu beenden, wenn nichts mehr von John Crichton übrig war? Er wusste dass seine Zeit ablief. Er hatte Tage, allerhöchstens vielleicht eine paar Woche, aber auf keinen Fall mehr, bevor jemand, wahrscheinlich Zhaan oder Aeryn, so weit waren ihn zur Rede zu stellen. Er konnte die Anzeichen dessen, was mit ihm geschah, nicht länger verbergen. Der seelische Stress forderte langsam Tribut von seinem Körper. Er musste sich zwingen zu essen, aber er verlor immernoch Gewicht. Sein Gesicht war gezeichnet von Schlafmangel, aber das war auch so eine unerklärliche Sache. In den meisten Nächten verbrachte er einen vollen Schlafzyklus in seinem Bett, und trotzdem wachte er morgens fast genauso müde wieder auf, wie er es am Abend zuvor gewesen war. Vor zwei Tagen hatte Zhaan ihm ein Gebräu angeboten, dass ihm schlafen helfen sollte. Sie erwähnte dass sie ihn in der Nacht vorher im Schlaf hatte schreien hören. Aber er hatte keine Erinnerung an einen Traum, oder an irgendeinen anderen Traum in den letzten Tagen und das verunsicherte ihn. Es war als gäbe es einen Teil von ihm, der sich langsam seinem Griff entwand, einen Teil der ihm für immer verloren ging. „Commander Crichton?“ Pilots Stimme erreichte ihn über das Komm. „Ja Pilot? Was ist los?“ „Ich empfange ein sehr merkwürdiges Kommunikationssignal.“ Sagte Pilot. Er machte eine Pause. „Zumindest denke ich dass es ein Signal ist.“ „Von einem Schiff?“ Crichton hatte eine schreckliche Vermutung. Es konnte nicht von einem Planeten oder einer Basis stammen. Sie befanden sich tief in den Unerforschten Territorien, weit entfernt von jedem Sonnensystem. Oder zumindest waren sie das, als er das letzte Mal nachgesehen hatte. Und ein Schiff stellte auf alle Fälle eine potentielle Gefahr dar. „Nein, Moya nimmt nirgendwo ein Schiff wahr. Und dennoch ist da dieses Signal.“ Sagte Pilot. „Es ist wirklich sehr merkwürdig.“ Die Spannung, die sich in ihm aufgebaut hatte, verschwand wieder. Es war ein Anomalie. Eine merkwürdige Sache, nichts sonst. „Kannst du es für mich abspielen?“ fragte er. „Sicher,“ sagte Pilot. Es war eine Serie von Tönen ungleicher Länge. So wie ein alter Morsecode, aber dieser hier hatte verschiedene Tonhöhen, die irgendwie musikalisch klangen. Das Signal dauerte etwa zehn Sekunden, machte dann eine Pause und wiederholte sich. „Das ist es?“ „Ja,“ sagte Pilot. „Das Signal wiederholt sich wieder und wieder, und zwar auf sehr niederfrequenten Kommunikationswellen. Ganz ähnlich denen deines Modules.“ „Du meinst Funk,“ korrigierte ihn John. „Dann besteht kein Grund zur Besorgnis. Das Signal könnte gestern gesendet worden sein, oder vor tausend Jahren. Funkwellen können praktisch für immer durch den Raum wandern.“ „Bist du sicher?“ Funkwellen befanden sich weit außerhalb von Pilots Erfahrung, ebenso weit wie es ein Telegraph gewesen wäre. Es war eine primitive Form der Kommunikation, wenn man sie mit der Sebacianertechnologie verglich. „Nein,“ sagte John. Er war sich bei gar nichts mehr sicher. „Aber wenn ich falsch liege, dann wirst du es als erster erfahren. Es gibt keinen Grund die anderen zu wecken, aber um sicher zu gehen, bitte Moya darum, in jedem Arn während des nächsten Tages einen Tiefenscan durchzuführen.“ „Sehr gut,“ sagte Pilot. Es gab ein abschließendes Klicken und John wusste dass der Kommunikationskanal geschlossen war. Es war etwas seltsam vertrautes an diesem musikalischen Signal. Es wiederholte sich wieder und wieder in seinem Kopf, wie einer dieser lästigen Radio-Jingles. Er schüttelte den Kopf um wieder klar zu werden aber die merkwürdige Tonfolge blieb. Einen Moment später kehrte er zum Farscapemodul zurück. Bei seiner Berührung öffnete sich die Kanzel und er kletterte hinein. Wie im Traum sah er, wie sich seine rechte Hand zur Kommunikationsanlage bewegte, den Notfallkanal einstellte und dann das Gerät anwarf. Er setzte das Headset auf, auf das er sorgfältig geachtet hatte, weil es nicht mehr benutzt wurde, seit er die Erde und die IASA hinter sich gelassen hatte. Das Modul hatte sein eigenes Kommunikationssystem, eines das von Pilot nicht überwacht wurde. Das schien irgendwie wichtig zu sein, aber dieser Gedanke verschwand genauso schnell wieder wie er gekommen war. „Hier ist Commander John Crichton von Farscape Eins,“ sagte er mit leiser ruhiger Stimme, als wäre es nur eine gewöhnliche Routinetransmission. „John, ich freue mich, dass du meine Nachricht erhalten hast. Wir müssen reden.“ Scorpius’ Stimme knatterte durch das Headset. Er sollte eigentlich überrascht sein, aber irgendwie war er es nicht. Und trotz der Halluzination mit der sanften Stimme, die ihn gequält hatte, wusste er, dass diese unvollkommene kratzige Stimme echt war. „Wo bist du?“ fragte er. „Nah. In der Tat sehr nah. In ein paar Microts wird mir der Leviathan in die Falle gegangen sein. Ihr werdet von den Schiffen meines Kommandotransporters umzingelt.“ Sein Herz machte einen Sprung. Er musste Pilot und die anderen warnen. Ein kleiner Teil von ihm schrie, dass er Hilfe zusammentrommeln musste, aber er wurde von dem erstickt was ihn kontrollierte. „Und warum erzählst du mir das?“ Es war ziemlich dumm von Scorpius das zu tun. Es war immer noch genug Zeit für Moya auf Stellarbeschleunigung zu gehen und zu fliehen. Zumindest wäre es so wenn das hier wirklich Scorpius war und nicht die neueste Variante einer Halluzination. „Ich erzähle es dir, weil du die Wahl hast, John. Bleib wo du bist, und der Leviathan wird gefangen genommen und du und alle deine Freunde werden wieder zu Sträflingen. Ob ihr euch nun friedlich ergebt oder euer Leben bei einem dummen Angriff riskiert, kommt auf das selbe heraus.“ Er fühlte sich krank, als er erkannte, dass sein langer Alptraum letztendlich wahr wurde. Ein Gefangener von Scorpius. Es war nicht leicht sich das vorzustellen. „Du sagtest, ich hätte eine Wahl.“ Sagte Crichton, der darum kämpfte sein Stimme ruhig zu halten. „Ich habe kein Interesse an den anderen, nur an dir. Du kannst wählen, ob du dich selbst auslieferst und ich verspreche dir, den Leviathan ungehindert abziehen zu lassen. Dein Opfer für ihre Sicherheit.“ Es war eine Falle. Es musste eine sein, und dennoch... „Wie soll ich dir glauben? Und warum sollte ich so verrückt sein, mich selbst in deine Hände zu begeben, damit du mich nochmal durch die Hölle schicken kannst auf diesem verdammten Stuhl?“ seine Stimme brach. Seine rechte Hand zitterte und er ballte sie zu einer Faust, dankbar dafür dass Scorpius ihn nicht sehen konnte. Es gab keinen Grund Scorpius wissen zu lassen, wie sehr er John Angst machte. „Ich habe dich niemals angelogen, John.“ Sagte Scorpius. „Gib auf und sorge für die Sicherheit deiner Freunde. Oder versuche dein eigenes Leben zu schützen und du verdammst sie alle. Die Zeit läuft ab. Aber am Ende gibt es nur eine Wahl, die du treffen kannst.“ Es gab ein Knacken in der Statik und das Funkgerät wurde still. John zog das Headset herunter. Das war nicht real. Es war nur eine weitere Halluzination. Das musste es sein, sagte er sich. Und wenn es das nicht war? Er hatte sich selbst versprochen, sich niemals wieder lebend von Scorpius gefangen nehmen zu lassen. Sich absichtlich an ihn auszuliefern war gegen seinen Instinkt, gegen jede Faser seiner verletzen Seele. Und trotzdem konnte er die Alternative nicht außer Acht lassen. Was bedeutete es wenn Aeryn oder Chiana oder das Rest der Crew ebenfalls Scorpius’ Gefangene waren. Hatte er das Recht ihnen den gleichen Schrecken zuzumuten den er ertragen musste? Scorpius war nur an einer Sache interessiert. Und das war die Wurmlochtechnologie. Crichton hatte dieses Wissen, seine Freunde hatten es nicht. Moyas Crew nützte ihm nur als Köder oder als Geisel etwas. Es war also in der Tat gut möglich dass Scorpius sein Wort hielt und sie gehen ließ, sobald er einmal hatte was er wollte. Sogar Crais hatte erfahren, dass Scorpius kein Interesse an Moya oder ihren Passagieren hatte. Nur Crichton ganz allein galt diese ganze unbarmherzige Jagd. Sein Leben für ihres. Das war der selbe Handel den Crais mit ihm zu machen versucht hatte, als John in Scorpius’ Gefangenschaft war. Es war seltsam daran zu denken, dass er Angst davor gehabt hatte in Crais’ Händen zu sterben, ohne zu wissen, dass er schon bald einen schnellen Tod den Schmerzen vorziehen würde, die Scorpius’ infernalisches Gerät beim Auseinanderfetzen seines Verstandes verursachte. Doch der Handel den Crais ihm angeboten hatte war nur ein Bluff, und Crichton hatte Crais’ Lügen durchschaut, bevor er gezwungen war die unmögliche Wahl zwischen Gilinas Schutz und der Rettung seiner Freunde zu treffen. Scorpius würde nicht die selben Fehler wie Crais machen. Er hätte ihm dieses Angebot nicht gemacht, wenn er nicht sicher war, dass John keine andere Wahl hatte, als es zu akzeptieren. Moya taumelte, die Maschinen protestierten und wurden dann plötzlich uncharakteristisch still. „Commander Crichton! Moyas Kurzreichweitensensoren haben ein Schwadron Peacekeeper ausgemacht. Sie erschienen einfach aus dem Nichts und bewegen sich nun um uns herum.“ „Können wir stellarbeschleunigen?“ fragte Crichton. „Nein, wir können ihnen nicht entkommen.“ Sagte Pilot. „Ich habe die anderen zusammengerufen, sie sind auf dem Weg zum Kommandozentrum.“ „John, wo zum Frell bist du?“ ertönte Aeryns Stimme durch das Komm. „Wir brauchen dich hier. Und zwar jetzt.“ Ein Gefühl tödlicher Ruhe kam über ihn und spülte die Angst fort. Er tat nichts um das Modul zu verlassen. „Pilot, such weiter,“ sagte John. “da draußen muss irgendwo ein Kommandotransporter sein.” „Ein Kommandotransporter?“ fragte Aeryn. John antwortete nicht. Er drückte den Knopf, der die Kanzel schloss und seine Hände begannen das bekannte Ritual durchzuführen, das das Modul zum Leben erweckte. Ein kleiner Teil von ihm nahm wahr, dass seine Hände aufgehört hatten zu zittern, jetzt da er seine Entscheidung getroffen hatte. Scorpius kannte ihn ebenso gut wie er sich selbst. Am Ende gab es nur eine Wahl, die er treffen konnte. Seine Hände bewegten sich weiter, durchliefen den größten Teil eines Abflugchecks. Es gab keinen Grund für diese Sicherheitsmaßnahmen. Es würde kein allzu langer Ausflug werden. Die Maschinenkontrollen sprangen an und das Modul erwachte zum leben. „Commander Crichton, was machst du?“ fragte Pilot. „Pilot, sag Moya dass sie ein Dutzend Microts Zeit hat die Türen des Shuttledecks zu öffnen oder ich werde sie für sie aufmachen,“ sagte John. Er hatte sich entschieden, jetzt musste er es nur noch durchführen. Schnell. Bevor er den Mut verlor, oder seine Freunde versuchten ihn aufzuhalten. „John, was hast du vor? Wir haben keine Zeit für Spielchen,“ sagte Ka D’Argo. Aeryn sagte nichts. Wenn er recht hatte, dann war sie genau jetzt auf einem überflüssigen Weg zum Shuttledeck, denn sie bevorzugte eine direkte Auseinandersetzung. Aber dieser Wunsch würde sich nicht erfüllen. Nicht heute. John richtete das Farscapemodul auf die geschlossenen Tore aus, legte seine Hand auf den Kontrollhebel und gab Schub auf die Maschinen. Langsam setzte es sich in Bewegung. „Das wird ein ziemliches Loch hinterlassen,“ warnte er. Im letzten nur möglichen Moment glitten die Tore zur Seite und das Farscapemodul schoss hinaus in die Schwärze des Raumes. Ein Jäger kam heran, nah genug, damit er das Gesicht des Peacekeeperpiloten erkennen konnte, und flog dann vorbei. Seine Augen folgten seinem Weg und er sah dass es nur einer von sehr vielen war, die Moya umschwirrten und sie gefangen hielten wie ein Atom, das von seinen Partikeln umgeben ist. Jede Richtung war ihr verschlossen. Sie konnte nirgendwo hin, es gab keinen Ausweg für Schiff und Crew. John wählte eine zufällige Richtung aus und beschleunigte. Das Modul war inzwischen modifiziert aber es war noch lange nicht annähernd so schnell wie ein Jäger, oder gar ein Kommandotransporter. Es war sinnlos an eine Flucht zu denken, nur daran es schnell zu Ende zu bringen. Er würde den Kommandotransporter finden, oder er ihn. Wie auch immer, das Ergebnis war der selbe. „John, was willst du denn damit erreichen?“ fragte Zhaan, die Stimme mit Absicht kühl. „Einen Handel,“ sagte er. „Scorpius bekommt was er will und ihr und Moya seid frei.“ „John, jetzt sei nicht dumm! Mit so einer Kreatur kann man nicht verhandeln. Kehr sofort um,“ sagte Aeryn. Ihre Stimme klang scharf vor Besorgnis. „Wir werden schon einen Weg hier heraus finden, aber nur wenn wir alle zusammen halten.“ Vor einer Stunde noch hätte er alles dafür gegeben, so eine Versicherung zu hören, aber nun war es zu spät dafür. Aeryn, die sonst immer so pragmatisch war, gab sich unbegründetem Optimismus hin, als würde sie tatsächlich annehmen, dass es auch nur irgendeine Chance gab, diesem Schicksal zu entkommen. Früher hatte auch John diese Art von Optimismus besessen, aber er hatte ihn verloren, noch ein Opfer der Erfahrungen der letzen Monate. Das Farscapemodul flog zwischen zwei Jägern hindurch und dann durch den äußeren Ring der Blockade. Niemand versuchte ihn aufzuhalten oder ihm zu folgen. So sicher war Scorpius sich also Johns Mithilfe. Und warum auch nicht? Sie hatten die Falle nicht kommen sehen bis sie zuschnappte. Es gab keinen Zweifel, dass er Johns Gefangennahme mit vergleichbarer Sorgfalt geplant hatte. „Ich hätte das Schiff sowieso verlassen müssen,“ sagte John bei dem Versuch es zu erklären. „Aeryn du weißt das. Die Halluzinationen sind schlimmer geworden. Ich weiß nicht mehr was real ist und was nicht. Meine Gegenwart dort war eine Gefahr... für euch alle.“ „John, wir vertrauen dir,“ sagte Aeryn. „Wie kannst du das, wenn ich es nicht einmal selbst kann?“ Selbst jetzt wusste er noch nicht ob sein Opfer ein Akt des Mutes war oder nur ein weiteres Zeichen dafür, dass er verrückt wurde. John konnte hören wie die Crew dagegen hielt und jemand seinen Namen rief, aber er hörte nicht mehr zu. Seine Kehle war trocken und seine Augen feucht von unvergossenen Tränen, als er seine Freunde hinter sich ließ und mit ihnen das Schiff, das er sein Zuhause zu nennen begonnen hatte. Er ließ sie verletzt zurück, mit einem Schmerz der beinahe körperlich war. Würden sie jemals verstehen warum er das getan hatte? Würden sie ihm jemals verzeihen? „Tut noch eins für mich. Stellarbeschleunigung, in dem Moment in dem die Jäger abziehen,“ sagte er. Er schloss die Augen einen Moment lang und betete zu der Göttin der Zhaan diente, dass Scorpius sein Wort hielt und seine Freunde auch wirklich gehen ließ. Dann war Johns Opfer wenigstens etwas wert. Das Modul vibrierte leicht und änderte dann die Richtung. Also hatte ihn die Transportercrew gefunden und nutzte nun ihren Fangstrahl um ihren Preis einzuholen. Er holte tief Luft, als er begriff dass er in wenigen Augenblicken der Person, vor der er sich am meisten fürchtete, von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen würde. Das fremde Modul setzte leicht auf dem Hangarboden auf. Die Tore der Andockbucht schlossen sich, Scorpius fühlte Befriedigung verbunden mit einem Anflug von Erleichterung. Er hatte diese ganze Operation sorgsam geplant, hatte jede mögliche Variante bedacht, bis nichts mehr dem Zufall überlassen war. Und trotzdem hatte sich Crichton sozusagen als Wild Card erwiesen, der immer das eine Schlupfloch fand an das niemand gedacht hatte. Aber dieses Mal hatte er das Spiel für sich entschieden. Scorpius hatte das Angebot gemacht und Crichton war in die Falle getappt. Er hatte von Anfang an gewußt, dass es keinen Weg gab, den Leviathan mit Gewalt einzunehmen und trotzdem für Crichtons Sicherheit zu garantieren. Eine Zeit lang wäre der Neurochip sicher dazu in der Lage, Crichton vor einem Selbstmord zu bewahren, aber es wäre ihm nicht möglich, ihn oder seine Kameraden von einer Verzweiflungstat abzuhalten, die zu ihrer aller Tod führen würde. Auch konnte der Chip Crichtons Kameraden nicht davon abhalten ihn zu töten und sein Leben in einem falsch verstandenen Akt der Barmherzigkeit zu nehmen. Er war immer noch irritiert. Vor drei Tagen hatte Crichton, unter der Kontrolle des Chips handelnd, ein Signal gesendet das beinhaltete, dass das Experiment beendet werden konnte. Aber der Code der anzeigte, dass Crichton erfolgreich bei der Entdeckung der Geheimnisse der Wurmlochtechnologie war, wurde nicht übermittelt. Es blieb ihm nichts übrig als sich nach dem Grund dieser Maßnahme zu fragen. Warum gerade jetzt? Welche Bedrohung hatte der Neurochip entdeckt, die ein Ende dieser Illusion der Freiheit, die Crichton in den letzten Monaten genießen durfte, erforderte? Es gab keine Bewegung oder sonst ein Lebenszeichen im Inneren des Moduls, und doch zeigten die Scans an, dass Crichton am Leben war und sich im Inneren befand. Hundert Microts vergingen, und als er gerade drauf und dran war, den Wachen den Befehl zu geben, das Modul zu öffnen, hob sich die klare Kanzel und Crichtons Gesicht erschien. Seine Augen suchten den Raum ab, bis sein Blick auf Scorpius fiel. Dann zwang sich Crichton selbst aus dem Sitz und kletterte aus der Kapsel. Scorpius signalisierte den Wachen auf ihren Positionen an den Türen zu bleiben und als Crichton herunterkletterte, legte er die wenigen Meter zurück, die sie voneinander trennten. Er war neugierig auf die Maschine, die er bisher nur durch Crichtons Erinnerungen gesehen hatte. Einzigartig, und das einzige bekannte Schiff, das durch ein Wurmloch gereist war. Und doch war die Maschine nur ein kleiner Schatz verglichen mit der Kreatur die es steuerte. Als Crichtons Füße den Boden berührten, hielt er einen Moment lang inne, legte beide Hände flach auf die Seiten seines Schiffes und presste die Stirn dagegen, ganz so als wollte er Stärke aus seiner Maschine ziehen. Dann stieß er sich ab und drehte sich um „Du hast bekommen was du wolltest. Jetzt lass Moya frei,“ sagte er und fing dabei Scorpius’ Blick mit seinem eigenen ein. Wenige Sebacianer wagten es, seinen Blick zu erwidern, denn sie hatten Angst vor ihm und vor dem was er ihnen antun konnte. Crichton hatte mehr als jeder andere Grund ihn zu fürchten und dennoch erwiderte er Scorpius’ Blick und hielt ihm stand, unnachgiebig. Einen solchen Mut musste man bewundern. „Ich habe meine Schiffe bereits zurück gerufen.“ Sagte Scorpius „Aber der Leviathan verweilt noch. Vielleicht hegen deine Freunde ein paar dumme Ideen was eine Rettung angeht.“ Crichton schüttelte den Kopf. „Sie wissen es besser.“ „Sieh selbst,“ antwortete Scorpius. Er ging hinüber zur Wand wo der Schirm einer Konsole das Bild eines Leviathans und der zurückkehrenden Schiffe zeigte. „Ich habe mein Wort gehalten,“ sagte Scorpius. Er kam näher und stellte sich hinter den Menschen. Beim Klang seiner Stimme schreckte Crichton zurück. Es war eine ungewöhnliche Reaktion, oder vielleicht auch nicht, wenn man die Angst bedachte, die Crichton so mühsam zu verstecken versuchte. Er hatte die Befürchtung, dass etwas schief lief, dass er einen feinen Hinweis oder ein Zeichen übersehen hatte. Crichton berührte das Komm. Anscheinend dachte er nicht daran, dass Scorpius eine eventuelle Transmission blockiert haben könnte. Aber der war neugierig zu hören, was Crichton zu sagen hatte und wartete. „Pilot, was zum Frell macht ihr da? Warum seid ihr noch nicht auf Stellarbeschleunigung?“ Fragte er. „John, wir...“ begann eine weibliche Stimme. „Nein,“ unterbrach Crichton sie. „Es ist jetzt nicht der Zeitpunkt für irgendwelche Dummheiten. Denkt an Jothee. Denkt an Talyn. Denkt an euch selbst, verdammt noch mal, und dann zum Frell macht dass ihr hier weg kommt. Sofort!“ Crichton stellte den Kommunikator ab. Einen Moment später begann sich das Bild zu erhellen, bis der Leviathan zu leuchten begann und schließlich verschwand. Es geschah wie Scorpius es geplant hatte. Er hatte keine Verwendung für den Leviathan oder seine Crew, außer um Crichtons Vertrauen zu gewinnen. Crichton starrte noch einen langen Moment auf den Schirm und schluckte hart. Seine Schultern sanken herab und als er sich umdrehte um seinen Häscher anzusehen, schien alle Kraft aus seinem Körper gewichen zu sein, als wäre sie mit seinen Freunden verschwunden. Er lehnte sich rückwärts an die Wand als würde er ihre Hilfe brauchen. Die Augen die nun seine trafen waren stumpf. Er bemerkte dass Crichton all seinen Mut und alle Stärke gebraucht hatte, um hierher zu kommen. Nun, da seine Freunde in Sicherheit waren, konnte Crichton seine eigene Verwundbarkeit nicht länger ignorieren. Scorpius gefiel nicht was er da sah. Er registrierte die Veränderungen in Crichtons Erscheinung, seit er den Menschen das letzte Mal auf dem Königlichen Planeten gesehen hatte. Crichton hatte seitdem an Gewicht verloren und die geliehene Peacekeeperuniform hing lose um seine Gestalt. Sein Gesicht war gezeichnet von Strapazen und von etwas, das sich hinter seinen ruhelosen Augen verbarg, die nun nicht mehr still standen. „Was meintest du damit, als du deinen Freunden gesagt hast, die Halluzinationen würden stärker werden?“ fragte Scorpius. Crichton lachte, es klang hart, ohne echte Fröhlichkeit. „Da hast du einen schlechten Handel gemacht. Mit beschädigter Ware. Menschen verkraften es nicht gut, wenn man ihren Verstand frellt. Seit der Gammakbasis höre ich Stimmen, sehe Dinge die nicht da sind. Es dauert nicht mehr lange bis Mama Crichtons kleiner Junge auf Dauer ein Zimmer in der Klapsmühle bekommt.“ Der Ausdruck war ihm unbekannt aber seine Bedeutung kam rüber. Und sein scaranisches Erbe, das ihm die Fähigkeit verlieh, Lügen zu erkennen, sagte ihm dass Crichton wirklich glaubte, dass er verrückt wurde. Viele Scarraner konnten Gedanken lesen oder sogar kontrollieren, aber Scorpius konnte nur Gedankenmuster wahrnehmen. Doch das reichte damit er besorgt war. Crichtons Gedankenmuster waren ein einziges Durcheinander, chaotisch, ein Verstand unter großem Stress, der kurz davor war, unter der Last zu zerreißen. Er tastete tiefer und fühlte nur Verwirrung, Verzweiflung und eine überwältigende Furcht, die purer Panik nahe kam. „Was siehst du in deinen Visionen?“ Crichton presste die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Dieses Mal vermied er vorsichtig Scorpius’ Blick. Noch ein Geheimnis. Na gut. Er würde Crichton die Illusion lassen, dass er Geheimnisse hatte. Sobald Scorpius einmal Zugriff auf den Neurochip hatte, würde dieser ihm alles sagen, was er wissen wollte. Crichton richtete sich auf und stieß sich von der Wand ab. „Lass es uns hinter uns bringen,“ sagte er. „Du kannst dir deine Fragen für den Stuhl sparen.“ Scorpius schüttelte den Kopf. „Es gibt keinen Grund sich vor dem Aurorastuhl zu fürchten.“ Sagte er. „Er hat sich inzwischen als ineffektiv erwiesen. Wir beide wissen, dass er uns nicht das Wissen verschaffen kann, nach dem wir suchen.“ Er hatte sich darauf gefreut, sich mit seinem Gegner ein paar Bälle zuspielen zu können, aber das musste warten. Crichton konnte kaum noch stehen und er musste wissen was passiert war und was den Menschen in so einen Zustand gebracht hatte. Und zwar sofort. „Du bist erschöpft. Du musst dich ausruhen,“ sagte er. „Erzähl’ mir etwas, was ich noch nicht weiß,“ gab Crichton zurück, der Sarkasmus kam ihm automatisch über die Lippen. Aber gerade diese Äußerung zeigte seine ganze Verwirrung und seine Angst, die sich mit der verzweifelten Hoffnung mischte, dass ihm die Qualen des Aurorastuhles vielleicht doch erspart blieben. Es war nie seine Absicht gewesen Crichton leiden zu lassen. Der Aurorastuhl schien nur der einfachste Weg zu sein, die Informationen herauszuholen. In der Tat hatte er sich sogar als ziemlich effektiv erwiesen, denn er hatte unbekanntes Wissen zu Tage gebracht, von dem noch nicht einmal Crichton wusste, dass er es besaß. Es war Crichtons eigene hartnäckige Weigerung Ergebnisse zu liefern, die das was eine einfache unerfreuliche Erfahrung hätte sein können, in eine unerträgliche Qual verwandelte. Sobald er begriff, dass das Wissen, das Crichton hatte, nicht durch den Stuhl herausgeholt werden konnte, hatte Scorpius von ihm abgelassen und sein Vertrauen in den Neurochip gesetzt und in Crichtons eigene Intelligenz und seine Entschlossenheit die Wurmlochtechnologie zu verstehen und in seine Heimatwelt zurück zu kehren. Und nun hatte der Chip Scorpius gerufen um Crichton zu schützen, als klar wurde, dass Crichton sich nicht mehr länger selbst schützen konnte. Es war Ironie, dass der Feind, den Crichton am meisten fürchtete, auch die einzige Person war, die ihn retten und seine geistige Gesundheit bewahren konnte. „John, du hast nichts zu befürchten,“ versprach Scorpius. Er schob seine rechte Hand langsam in die Gürteltasche und zog eine Medi-Injektor heraus. Crichton war zu wertvoll um eine Verletzung zu riskieren. Die Wurmlochtechnologie würde das Gleichgewicht der Macht zugunsten desjenigen verschieben, der das Geheimnis entschlüsselte. Ein solcher Mann konnte das Universum beherrschen, wenn er wollte. Scorpius würde für Crichtons Sicherheit sorgen... und ihn mit der Zeit kontrollieren. Als der Injektor in Crichtons Gesichtsfeld kam, wich er seitlich aus, aber Scorpius hatte damit gerechnet und griff sich Crichton mit der linken Hand. Er drückte ihn an die Wand. Crichton schlug um sich aber er war kein Gegner für Scorpius Stärke. Mit der rechten Hand presste er den Medi-Injektor in den Nacken des Menschen und injizierte ihm die Droge. Sein Gesicht war nur Zentimeter von dem Crichtons entfernt und er spürte noch immer die überwältigende Verzweiflung des Menschen. „Nur ein Beruhigungsmittel. Mehr nicht. Wenn du dich erholt hast, werden wir reden.“ „Reden.“ Wiederholte Crichton. „Ja, richtig.“ „Reden,“ versicherte ihm Scorpius. Er hielt Crichton in dieser Position und sah zu wie das Bewußtsein aus seinen Augen verschwand und seine Muskeln schlaff wurden. Schließlich fiel sein Kopf auf die Seite und dann nach vorn. Erst dann gab er den Wachen das Zeichen zu ihm zu kommen und Crichton in das Quartier zu tragen, das so lange auf seine Ankunft gewartet hatte. Die Aufgabe Crichton zu zähmen würde nicht leicht werden. Aber Scorpius hatte den Vorteil des Neurochips und jahrelange Erfahrung, was das Verhören von Gefangenen anging. Crichton erwartete ganz offensichtlich Folter, sowohl geistig als auch körperlich. Es würde interessant sein zu sehen wie er reagierte, wenn ihm klar wurde, dass Scorpius etwas völlig anderes für ihn geplant hatte. Teil 2 Es gab einen Moment der Desorientierung, und dann tauchte der Leviathan aus der Stellarbeschleunigung wieder auf. Aeryn Sun schüttelte den Kopf um das zurückbleibende Schwindelgefühl los zu werden, während Moyas Maschinen brummend wieder ins Leben zurück kehrten. Ihre Augen suchten die anderen. Sie waren sprachlos und ungläubig, so wie sie selbst auch. Es schien irgendwie nicht real zu sein. In einem Moment schlief sie noch in ihrem Quartier und im nächsten wurde sie durch Pilots Notfallalarm geweckt. Noch bevor sie wusste was geschah, war es auch schon vorbei. John war gegangen, hatte sich selbst an seinen größten Feind ausgeliefert. Es war weniger als ein viertel Arn vergangen, vom ersten Alarm bis zu dem Moment in dem Pilot die Stellarbeschleunigung durchführte. Aeryns Fäuste ballten sich an ihrer Seite. Pilot hatte getan, was er tun musste, und trotzdem hasste sie ihn im Moment dafür, beinahe so sehr wie sich selbst, dafür dass sie so hilflos war. „Werden wir verfolgt?“ fragte Rygel. „Nein. Moyas Sensoren nehmen kein Zeichen irgendeines anderen Schiffes in der Nähe wahr,“ sagte Pilot. Ka D’Argo grollte. „Das ist keine Garantie für Sicherheit. Moya konnte die Peacekeeper nicht entdecken, bis sie uns vollständig umringt hatten.“ „Ich verstehe nicht wieso Moya unfähig war, die Peacekeeperschiffe zu orten,“ gab Pilot gereizt zurück. „Ihre Sensoren waren kurz zuvor offline, aber Crichton hat die Rekalibrierung schon vor einigen Arn abgeschlossen.“ „Das ist typisch,“ sagte Rygel. „Menschen reparieren die Dinge nicht, stattdessen nehmen sie etwas das gut arbeitet und machen es kaputt.“ Es stimmte dass, als Crichton auf Moya ankam, er Dinge eher zerstörte als sie reparierte. Aber diese Tage waren längst vorbei und es war nicht seine Art so nachlässig zu sein. Nicht wenn er wusste dass ihre Leben auf dem Spiel standen. Und wenn es keine Nachlässigkeit war, was sonst konnte es sein? „Scorpius muss einen neuen Weg gefunden haben, seine Schiffe zu tarnen,“ sagte Aeryn, auch wenn sie noch nie etwas von so einer Technologie gehört hatte. Aber sie war immernoch Soldat und kein Techniker. „Möglicherweise,“ sagte D’Argo. „Und wo warst du, als das hier begann?“ sagte Aeryn. Sie drehte sich um und durchbohrte Rygel mit ihrem Blick. „Du hattest heute Nacht Wache. Also warum warst du als letzter auf der Kommandobrücke?“ Rygel zog seine Robe fest um sich, und sein Gleitthron hob sich etwas und entfernte sich von ihr. „Ich war in meinem Quartier und habe geschlafen, wenn du es wissen willst. Crichton hat angeboten meine Wache zu übernehmen. Er sagte er wollte an seinem Modul arbeiten. Ich sah keinen Grund warum wir beide um unseren Schlaf kommen sollten.“ Rygel dachte immer zuerst an sich selbst. Sie hatte John nur gestern kurz im Vorbeigehen gesehen, aber schon da sah er erschöpft aus. Jeder Idiot konnte sehen, dass er nicht in der Verfassung war, die Verantwortung einer Nachtwache zu übernehmen. Aber wenn Crichton bereits in der Modulbucht war, dann erklärte das warum er in der Lage war so schnell zu verschwinden, noch bevor sie ihn erreichen konnte. Und was hatte er zu dieser Stunde an seinem Modul zu arbeiten? Es gab keine dringenden Reparaturen, die unbedingt durchgeführt werden mussten. Sicher hätte, was auch immer erledigt werden musste, auch bis morgen warten können. Außer es gab einen anderen Grund warum er dort war. „Pilot, ist sonst etwas ungewöhnliches passiert? Irgendein Zeichen, dass ein Kommandotransporter in der Nähe war?“ fragte Aeryn. „Moya fing ein niederfrequentes Kommunikationssignal auf. Ich fragte Commander Crichton danach, und er sagte mir, es sei etwas, das man Funk nennt und dass es kein Grund zur Besorgnis wäre.“ Er machte eine lange Pause. „Und einige Momente später tauchten die Peacekeeperschiffe auf.“ Aeryn schluckte hart. „Crichton wusste dass sie kommen,“ sagte D’Argo. „Er hat es selbst gesagt, als er Pilot mitteilte, dass er nach einem Kommandotransporter Ausschau halten soll.“ „Nein,“ widersprach sie automatisch. Und doch hatte ein Teil von ihr längst zu zweifeln begonnen. Es waren einfach zu viele Zufälle. „Natürlich hat er das,“ sagte Rygel. „Zweifellos werdet ihr herausfinden, dass er die Scanner verstellt hat, so dass sie uns nicht warnten.“ Chiana rückte näher an D’Argo heran, und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Aber warum sollte er das tun? Er haßt diesen Scorpius. Das weißt du.“ Crichton hasste Scorpius, aber noch viel mehr fürchtete er ihn. Was auch immer Scorpius John angetan hatte, es hatte seiner Seele auf Dauer Angst eingejagt. Ja, John würde sein Leben für seine Freunde geben. Aber er würde weder mit dem Feind zusammenarbeiten, noch war es seine Art einfach so aufzugeben, ohne Kampf. Und dennoch hatte er genau das getan. Er hatte sich selbst an Scorpius übergeben, ohne ihnen auch nur eine Chance zu lassen, mit ihm zu sprechen oder sich einen besseren Plan auszudenken. Zhaan hatte dieses Wechselspiel still mit angesehen, aber nur sprach sie. „Aeryn, was meinte John, als er sagte, die Halluzinationen würden schlimmer?“ Mit einer Hand strich sich Aeryn das Haar zurück, das ihr ins Gesicht gefallen war. „Nachdem wir auf dem Königlichen Planeten waren, erzählte mir John dass er Visionen hätte. Er sah Scorpius, sprach sogar mit ihm. Er sagte, ich sollte mir keine Sorgen machen, weil er, falls diese Visionen anhalten, zu dir gehen und um Hilfe bitten würde. Ich dachte es sei eine Art Raumreisekrankheit.“ Zhaan schüttelte ernst den Kopf. „Ich wusste, dass ihn etwas bedrückt, aber er hat nie mit mir gesprochen oder die Visionen erwähnt.“ Aeryn begriff, dass sie hereingelegt worden war. Es lag in Johns Natur über das was ihn bedrückte zu reden und zu versuchen die Probleme um ihn herum zu lösen. Es war eine seiner liebenswertesten und lästigsten Qualitäten, das hing ganz davon ab, ob es seine eigenen Gefühle waren die er teilte, oder ob er versuchte ihre zu erforschen. Sie hatte darauf gezählt, dass sich John so wie immer verhielt und nahm an, dass er auf der Suche nach einer Hilfe, die sie ihm nicht geben konnte, zu Zhaan gegangen war. Als die Wochen ohne eine weitere Erwähnung der Visionen verstrichen, dachte sie er sei davon geheilt. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich John verändert hatte, vielleicht sogar so sehr, dass er nicht mehr um Hilfe bitten konnte oder wollte. Er hatte nichts zu Zhaan gesagt und offensichtlich wurden die Visionen schlimmer statt dass sie verschwanden. Bei seiner letzten Nachricht lag Verzweiflung in seiner Stimme, ein Tonfall der sie an die gefolterte Kreatur erinnerte, die sie von der Gammakbasis gerettet hatte. Wie lange hatte er diese Last getragen? Und warum vertraute er ihr nicht genug, um sie mit ihr zu teilen? Was war geschehen, das ihn glauben ließ, die einzige Wahl die er hätte sei die, sich an seinen schlimmsten Feind auszuliefern. „Pilot, D’Argo und ich werden die Sensoren überprüfen,“ sagte Aeryn. Sie wusste längst was sie finden würden. D’Argo nickte. Chiana zog die Hand von D’Argo zurück und funkelte ihn wütend an. „Das wirst du doch nicht glauben. Crichton würde uns niemals betrügen.“ Sie drehte sich um und ging weg. Aeryns Worte ließen sie in ihrer Bewegung innehalten. „Crichton hat uns nicht betrogen. Er hat sich selbst betrogen.“ Scorpius wartete geduldig darauf, dass Crichton erwachte. Er ging im Geiste noch einmal das Wissen durch das er erhalten hatte, als er auf den Gedächtnisspeicher des Neurochips zugriff. Nicht dass er genug Zeit gehabt hätte all die Informationen zu verdauen. In der Tat würde das Wochen in Anspruch nehmen, denn der Neurochip hatte über mehrere Monate Zugriff auf Crichtons bewusste Gedanken und sensorische Wahrnehmungen. Es hatte seine Vorteile, dass der Neurochip als Abbild seiner eigenen Persönlichkeit hergestellt worden war. Der Chip gab bestimmten Informationen den Vorrang und ordnete sie ganz präzise auf die selbe Art, wie Scorpius, wenn er es selbst gemacht hätte. Später war noch genug Zeit alle Erinnerungen Crichtons in Ruhe durchzugehen, aber für den Moment wusste er alles, was er wissen musste, um Crichtons geistigen Zustand zu verstehen und entsprechende Pläne zu machen. Ebenso wie Crichtons Physis der eines Sebacianers sehr nahe kam aber dennoch nicht mit ihr identisch war, so waren auch seine neuralen Muster leicht unterschiedlich. Sein Verstand hatte sich als überraschend widerstandsfähig erwiesen, angesichts des Stresses, der ein schwächeres Wesen sicher überwältigt hätte. Zu widerstandsfähig, wie sich zeigte. Jedes mal, wenn der Chip gezwungen war Crichtons bewusste Gedanken zu überschreiben, hatte das eine Art neuralen Pfad hinterlassen. Eigentlich sollte sich dieser Pfad selbst löschen, aber stattdessen blieben Spuren davon zurück. Crichtons Unterbewußtsein hatte diese Spuren vereinnahmt und sich seine eigenen Verbindungen zu dem Neurochip erkämpft. Innerhalb weniger Wochen mit dem Implantat wurden diese Verbindungen stark genug, damit sich Crichton unter Stress des Chips bewusst wurde. Unfähig seine Funktion zu verstehen, hatte sein Verstand den Input des Chips in visuelle und auditive Informationen umgewandelt, die Crichton als Halluzinationen wahrnahm indem er Scorpius hörte und sah. Der Neurochip hatte wie geplant gearbeitet und Crichtons Leben und Gesundheit durch seine Arbeit bewahrt. Aber jedes Mal wenn der Chip in Aktion trat, wurden die Verbindungen stärker und das was er als Halluzination wahrnahm bekam immer mehr Substanz. Crichton bekam mehr und mehr Angst um seine geistige Gesundheit. Und dann fiel Crichton auch noch diesem scaranischen Verhörspezialisten in die Hände, der seinen Verstand bis an die Grenzen strapaziert hatte. Mit der Hilfe des Neurochips war Crichton geflohen, aber die geistigen Wunden, die er erhalten hatte, konnten nicht ungeschehen gemacht werden. Die Wunden blieben, eiterten, und der Chip, der seine Existenz verbergen musste, stellte sicher, dass Crichton nicht nach der Hilfe suchte, die er so dringend brauchte. Als Chrichtons seelischer Zustand sich weiter verschlechterte, hatte der Neurochip diese Tatsache erkannt und das Signal für den Rückruf gegeben. Crichton erwachte und seine Gedankenmuster begannen zu leuchten. Er gab einen unartikulierten Laut von sich und hob dann eine Hand an das Gesicht. „Crichton,“ sagte Scorpius. Er wollte ihn wissen lassen, dass er nicht allein war. Crichtons Augen flogen auf und er rollte halb, halb fiel er von der Schlaffläche. Er fiel auf den Boden und kam dann ungeschickt auf die Füße. Als seine Augen zu dem Stuhl wanderten, auf dem Scorpius saß, drehte er sich langsam zu ihm um. Seine Haltung und sein Gesichtsausdruck zeigten blanke Angst. Körperlich war Crichton stärker als er es am Tag zuvor gewesen war. Ein voller Tag durch Drogen hervorgerufener Schlaf hatte die schlimmste Erschöpfung etwas gelindert. Den Rest würde die Zeit erledigen. Doch geistig stand es mit ihm noch immer auf Messers Schneide. Es wäre eine leichte Sache ihn jetzt zu brechen, ihn einfach über die schmale Kante zum Wahnsinn zu stoßen. Ihn wieder zu heilen war viel schwieriger. Besonders wenn sich Crichton unwillig zur Kooperation zeigte. Nur die Zeit würde zeigen, ob der entstandene Schaden wieder rückgängig gemacht werden konnte. „Setz dich und wir werden reden,“ sagte Scorpius. Er erwartete, dass Crichton zur Schlaffläche oder vielleicht zur Wand zurückkehren würde, um die maximale Distanz zwischen sie zu bringen. Aber wieder einmal überraschte ihn Crichton. „Ist es das Leben oder ist es Memorex?“ fragte Crichton, jedoch mehr sich selbst. Er zog es vor den Raum zu durchqueren bis er vor Scorpius stand. Dann hob er die rechte Hand, die nur noch leicht zitterte, und berührte Scorpius an der Schulter. Als seine Finger Scorpius’ Thermalanzug streiften, nickte Crichton und ließ die Hand wieder sinken. Es dauerte einen Moment bis ihm die Bedeutung dieser Geste klar wurde. Crichton testete seine Realität indem er Berührung zur Bestätigung dafür nutzte, dass dies tatsächlich Scorpius war und nicht einfach nur eine Halluzination. Es war wirklich Scorpius. In Fleisch und Blut sozusagen. John ging wieder quer durch den Raum, bis er das Bett erreichte und sich schwer darauf niederließ. Scorpius sagte nichts aber er hatte einen seltsamen Ausdruck auf dem Gesicht. Für einen Moment sah es wie Mitleid aus, aber das musste er nur falsch verstanden haben. Der Scorpius, den er kannte, war ein rücksichtsloser Folterer. John wollte gar nicht wissen was alles nötig war um bei ihm Mitleid auszulösen. „Was willst du?“ fragte er. „Das selbe wie du,“ antwortete Scorpius. „Wissen. Das Geheimnis um die Herstellung von Wurmlöchern zu entschlüsseln, für den Anfang.“ „Ich kann dir nicht geben, was ich nicht weiß.“ Sagte er und spreizte dabei die Hände. Es bestand kein Grund mehr, einen Mut vorzutäuschen, den er gar nicht hatte. Es lag in Scorpius Macht sich jede Information zu nehmen die er besaß. Es war einfach nur die Frage, ob John bereit war die Informationen freiwillig herauszugeben oder ob er sie unter Folter herausrückte. Nach allem was er wusste, war der Aurorastuhl das neueste von Scorpius’ Spielzeugen. Wer wusste schon, welche Verbesserungen er in den Monaten seit Johns Flucht vorgenommen hatte. Er konnte fühlen wie sein Herz zu rasen begann, und er versuchte nicht zu sehr daran zu denken, was Scorpius ihm sonst noch antun könnte. „Du hast diese Informationen nicht. Natürlich. Aber ich glaube mit der Zeit wirst du die Antworten entdecken, die wir suchen,“ antwortete Scorpius. „Das wars also? Du folterst mich bis ich einwillige für dich zu arbeiten?“ „John, ich sagte du hast nichts zu befürchten. Du wirst nicht verletzt werden. Aber du wirst hier bleiben. Als mein Gast. Mit der Zeit wirst du den Nutzen dieser Zusammenarbeit erkennen. Ich kann es mir leisten, geduldig zu sein.“ Er hatte alles andere erwartet, aber nicht das. Es konnte nur ein Trick sein. „Entschuldige, Scorpy, so läuft das Spiel nicht. Einmal bist du der böse Cop, und nun soll ich dir abnehmen dass du der gute Cop bist. Als nächstes erzählst du mir noch, dass du mir nur helfen willst.“ „John, bist du eigentlich gern so undurchsichtig? Oder testest du einfach nur die Leistungsfähigkeit der Übersetzermikroben?“ John zuckte mit den Schultern. Es gab da einen weit entfernten Planeten, auf dem Millionen von Leuten seine Kultur teilten und seine Sprache auch ohne die Hilfe irgendwelcher Alienwanzen in ihren Gehirnen sprachen. Er wusste, dass seine irdische Herkunft seine Freunde manchmal aus dem Konzept brachte, und natürlich auch seine Feinde, aber er konnte sie einfach nicht aufgeben. In Wahrheit hing er sogar sehr daran, als so eine Art Erinnerung, dass er nicht völlig allein war, nur ein Fremder unter Fremden, die niemals wirklich verstehen konnten wer oder was er war. „Ich weiß dass du mir nicht glaubst, aber du brauchst meine Hilfe,“ sagte Scorpius „Genau genommen bin ich sogar der einzige der dir helfen kann.“ Für einen Moment klang der lebende Scorpius haargenau so, wie die Kreatur, die er in seinen Visionen während der letzten Monate gesehen hatte. Es war ein unheimliches Gefühl, wie ein Deja vu. Er erinnerte sich selbst daran, dass dies nur das neueste von Scorpius’ Spielchen war. Schnell würde ihn diese ganze Verkleidung ermüden, und dann würde der echte Scorpius zurückkehren. „Für den Moment, musst du nichts tun, als dich auszuruhen und wieder zu Kräften zu kommen. Dieses Quartier gehört dir. Wenn du hungrig bist, dann benutze das Schiffsinterface und man wird dir zu essen bringen. Falls du dich langweilst, enthält die technische Station einige Forschungsdaten, die von Interesse für dich sein könnten. Aber noch eine Warnung, das Gerät um deinen Hals ist mit diesem Raum verbunden. Wenn du versuchen solltest ihn zu verlassen, wird es dir ein Beruhigungsmittel verabreichen und du wirst innerhalb von Microts bewusstlos werden.“ John hob die Hand und entdeckte, dass ein Plastikhalsband um seinen Hals gelegt war, ein dünnes Band, nicht mehr als zwei Finger breit. Es machte ihn wütend und er fragte sich, was sie sonst noch mit ihm angestellt hatten, während er bewusstlos war. „Also hat Scorpy ein neues Haustier, ist es so?“ „Eine begründete Vorsichtsmaßnahme, sonst nichts. Erinnere dich, als du das letzte mal auf einem meiner Schiffe warst, hast du es mit bemerkenswerter Effizienz geschafft, es zu zerstören. Und dann war da natürlich noch die Gammakbasis. Ich finde diesen Kommandotransporter sehr nützlich und ich hätte es gern dass ihr beide, du und er, unversehrt bleibt.“ Scorpius lächelte, ganz so als fände er etwas witzig an dieser Situation. John zerrte an dem Halsband, aber es rührte sich nicht. Es war nicht fest genug um weh zu tun aber dennoch konnte er nicht einmal einen Fingernagel zwischen das warme Plastik und seine Haut bekommen. „Also ist das deine Antwort? Ein Hundehalsband?“ „Würdest du es vorziehen, dass ich dich mit Ketten an die Wand fessele? Oder dass ich eine Wache hier drinnen aufstelle, die dich die ganze Zeit im Auge behält?“ Seine Worte waren irgendwie verdreht. Alles was Scorpius sagte klang schlüssig, wenn man außer Acht ließ, dass es sich dabei um eine Falle handelte. Scorpius’ wahre Ziele blieben verborgen. Es war nur eine neue Maske. John fühlte Frustration in sich aufsteigen. Es musste doch etwas geben, was er tun konnte, einen Weg wie er mit dieser Kreatur verhandeln konnte. Aber seine Gedanken drehten sich nur im Kreis. Er ballte die Fäuste, grub die Fingernägel in die Handflächen und war dankbar für die Ablenkung, die der Schmerz ihm bot. Er glaubte nicht, dass er stark oder zurechnungsfähig genug war, um dieses neue Spiel mit Scorpius zu spielen. „Für heute ist es genug,“ sagte Scorpius John sah auf. Sein Körper spannte sich als Scorpius auf die Füße kam, aber sein Jäger kam nicht näher. Stattdessen betrachteten seine Augen John kritisch, dann nickte er als sei er zu einer Entscheidung gekommen. „Wir werden morgen weiter reden,“ versprach er. Und dann ging er und ließ John noch verwirrter zurück als er es vorher war. Sicher sah Scorpius wie nah John daran war zu zerbrechen. Und warum hatte er sich dann entschieden lieber zu gehen, als seinen offensichtlichen Vorteil auszunutzen? „Das ist nicht gut,“ sagte er zu sich selbst, und zu all jenen die sicher zusahen. Teil 3 John Crichton hatte die letzen Monate damit zugebracht sich auszumalen was wohl geschah, wenn er von Scorpius wieder gefangen genommen wurde. Aber niemals hatte er sich das hier vorgestellt. Nach fünf Tagen hätte er vor Langeweile die Wände hochgehen können. Er zog ein übellauniges Gesicht, während er die Hände in die Hosentaschen schob und damit begann in seinem Quartier hin und her zu laufen. Scorpius hatte sein Versprechen gehalten. John wurde nicht gefoltert und auch nicht verhört. Stattdessen behandelte man ihn wie einen wertvollen Häftling. Man brachte ihm Essen wann immer er wollte, in einer Auswahl die geradezu luxuriös für jemanden erschien, der nur Moyas friß-oder-stirb-Proviant gewohnt war. Da er nichts anderes zu tun hatte, holte er etwas Schlaf nach und während seiner wachen Stunden versuchte er nicht allzu sehr an seine Freunde zu denken. Er sah niemanden, außer Scorpius. Manchmal tauchte er nur kurz auf, als wolle er seinen Gefangenen nur überprüfen. Ein anderes mal blieb er und versuchte John in eine Unterhaltung zu ziehen. Abhängig von seiner Stimmung, erlaubte es sich John in einen Dialog verwickelt zu werden, aber er lehnte standhaft jede Diskussion über Wurmlochforschung ab. Und die ganze Zeit über fragte er sich, wie lange es wohl dauerte bis Scorpius die Geduld verlor und die freundlichen Fragen durch ein hartes Verhör ersetzte. Das hätte eigentlich Panik in ihm auslösen sollen, aber das tat es nicht. In Wahrheit bemerkte er, dass er nun viel ruhiger war, als es der Situation angemessen war. Zuerst vermutete er, dass Scorpius ihn unter Drogen gesetzt hatte, dass er ihm irgendeine Art von Beruhigungsmittel mit dem Essen verabreichte oder es ihm mit dem verdammten Hundehalsband injizierte. Aber während die Tage vergingen, fand er eine viel einfachere Erklärung. Die Halluzinationen, die ihn so lange gequält hatten, waren verschwunden. Vielleicht hingen die Visionen mit seiner Angst vor einer Gefangennahme zusammen. Vielleicht waren sie nur ein Ergebnis von aufgestautem Stress. Was auch immer den Grund dafür darstellte, alles was er wusste war, dass sie in dem Moment verschwanden, als er an Bord des Kommandotransporters kam. Es war merkwürdig, aber er fühlte sich jetzt stärker und mehr er selbst als seit Monaten. Es war nicht so dass er geheilt war, dafür war es noch zu früh. Doch er fühlte sich, als wäre er vom Rand des Abgrundes einen Schritt zurück getreten. Aber er hatte immernoch genug Zeit, um seine Stärke und Zielstrebigkeit zurück zu gewinnen. Er hatte gerade wieder damit begonnen zu träumen. Letzte Nacht träumte er, er wäre auf seiner ersten Shuttlemission. Er erinnerte sich an die Begeisterung und den überwältigenden Drang endlich zu beweisen, dass er diese Aufgaben aufgrund eigener Verdienste bekommen hatte und nicht einfach nur deshalb, weil er Jack Crichtons Sohn war. Als das Shuttle zurückkehrte, hatte sein Vater mit einem Empfangskomitee auf dem Landeplatz gestanden. Wegen der Reporter war alles was er sagte nur „Gute Arbeit, Sohn.“, aber der Blick in seinen Augen bedeutete John mehr, als es alle IASA Missionen zusammen jemals gekonnt hätten. In seinem Traum sah er seinen Vater, der nach ihm griff, nur um dann aufzuwachen und sich daran zu erinnern wo er war. Man musste kein Genie sein um zu verstehen warum sein Unterbewußtsein diese Erinnerung ausgegraben hatte. Es würde für John keine Rückkehr geben, kein Wiedersehen mit seinem Vater und seinen Freunden, wenn es John nicht schaffte das Geheimnis der Gleichungen zu lösen, die in seinem Gehirn verborgen waren. Nicht dass er es nicht versucht hätte, aber das Leben an Bord von Moya ließ ihm nur wenig Zeit, sich mit Forschung zu beschäftigen. Selbst wenn er einmal freie Zeit hatte, war Moya kaum eine ideale Forschungsstation. Ihre Sternenkarten waren bedauerlicherweise unzulänglich und voller Fehler. Ihre Informationsdatenbanken waren von Peacekeepern gebaut worden. Sie enthielten nur begrenzt technisches Wissen und so gut wie keine wissenschaftlichen Daten. Tatsächlich schien man die theoretischen Prinzipien, die hinter der Fähigkeit der Leviathane zur Stellarbeschleunigung standen, für militärisch unerheblich zu halten und ließ sie somit weg. Es hatte ihn Monate und die Hilfe von Pilot gekostet um herauszufinden, wie die grundlegende biomechanoide Technologie funktionierte und um zu lernen, wie man Teile davon so anpassen konnte, dass sie mit seinem Modul arbeiteten. Von selbst fand er vielleicht niemals die Antworten nach denen er suchte. John hielt an, als ihn seine Schritte zur technischen Station brachten, dem Peacekeeperäquivalent eines Computers oder einer Wiedergabeeinheit für Informationen. Ein Teil von ihm wollte die Einheit erforschen, um herauszufinden was darin war. Scorpius erforschte Wurmlöcher seit Jahren und hatte sicher Zugriff auf beste technische Informationen und theoretisches Wissen der Peacekeeper. Wenn es John gelang, auch nur auf einen Teil dieses Wissens einen Blick zu werfen, dann wären das immernoch mehr Informationen als er jemals irgendwo anders zu finden hoffen konnte. Es war ein unermeßlicher Schatz. Auch wenn er sich nach solchen Entdeckungen sehnte, hielt er sich zurück, denn er wusste dass es exakt das war, was Scorpius wollte. Scorpius zählte auf Johns natürliche Neugier und auf seinen Hunger mehr über Wurmlöcher zu erfahren. Er würde nichts ohne Gegenleistung herausrücken. Jede Information, die er John überließ, wurde ihm mit der Erwartung gegeben, dass er später etwas gleich wertvolles von ihm zurückfordern konnte, indem er John alles wegnahm, was er über Wurmlochtechnologie herausfand. Es war eine prekäre Situation. Früher oder später musste John eine Wahl treffen. Er konnte sich dafür entscheiden zu kooperieren, eine Zeit lang mitzuspielen, die Informationen zu nehmen die er kriegen konnte und darauf zu hoffen, dass er einen Weg fand zu fliehen bevor er Scorpius das Wissen geben musste, dass die Peacekeeper zu einer nicht aufzuhaltenden Macht werden ließ. Oder er konnte darauf warten, dass Scorpius die Regeln dieses Spieles änderte und doch noch einen Weg fand um ihn zu zwingen. War die Daten durchzusehen wirklich die einzige Art Widerstand zu leisten? Oder warf John seine einzige Chance die Informationen, die er so nötig brauchte, zu bekommen einfach weg? Welche Entscheidung war die richtige? Wenn er doch nur mit jemandem sprechen könnte, dem er vertraute. Aeryn. D’Argo. Dad. Irgendjemand der ihm helfen konnte dieses Minenfeld zu meistern und sich von Scorpius Fallen fernzuhalten. Gab es einen Weg Scorpius irgendwie auszutricksen? Wenn John sich eine Kooperation vorzustellen versuchte, war es dann möglich dass Scorpius seine Wachen verringerte und ihm somit die Gelegenheit bot, die John zur Flucht brauchte? So lange er noch in seinem Quartier blieb, gab es keine Chance zu entkommen. John hatte das höchstpersönlich am zweiten Tag herausgefunden. Er öffnete die Tür und machte gerade einen Schritt in den Korridor hinaus, als er einen kalten Stich im Nacken fühlte. Er erinnerte sich an das überraschte Gesicht der Peacekeeperwache und das Gefühl zu fallen und dann an nichts mehr, bis er schließlich erwachte und sich auf dem Bett liegend wiederfand, zurück in seinem Quartier. Er musste hier heraus. Fünf Tage der Suche hatten ihn überzeugt dass es hier nichts gab, was er als Waffe verwenden konnte, oder als Mittel zum Ausbruch. Aber außerhalb dieser Wände befanden sich die Mittel eines kompletten Kommandotransporters. Es war zu viel verlangt auf Verbündete zu hoffen, aber es gab Waffen, Schiffe und vielleicht eine Chance zur Flucht. Es würde ein gefährliches Spiel werden. Er musste Scorpius davon überzeugen, dass er mit ihm kooperieren wollte, und um seine Ziele zu erreichen würde er ihm letztlich sogar etwas Wissen überlassen müssen, denn Scorpius war zu intelligent um sich von Lügen oder Technogeschwätz täuschen zu lassen, das er sonst bei anderen benutzte. Es wäre eine schwierige Gratwanderung, genug Informationen um überzeugend zu sein aber nicht genug, damit Scorpius die Geheimnisse der Wurmlochtechnologie entwirren konnte. Aber dieses Spiel konnte er nicht ewig spielen. Früher oder später musste er einen Weg von diesem Schiff herunter finden oder er musste sein eigenes Leben beenden um dem Feind nicht das was er wusste in die Hände fallen zu lassen. „Du kannst es, John,“ sagte er. Er musste. Es gab keine andere Wahl. John setzte sich auf den Stuhl vor der technischen Station. Er strich mit der rechten Hand über die leere Oberfläche und eine leuchtende Liste mit Symbolen erschien. Der erste Eintrag erregte seine Aufmerksamkeit. Sternenkarten. Er drückte das Symbol und eine dreidimensionale holographische Karte erwachte zum Leben. Scorpius lächelte. Crichton hatte den Köder geschluckt, wie er es erwartet hatte. Er wusste, dass der Mensch der Verlockung des Wissens, das er so lange gesucht hatte, nicht widerstehen konnte. Es hatte fünf Tage gedauert bis Crichton seiner Neugier nachgab, aber nachdem er einmal auf die technische Station zugriff, erwies er sich als unersättlich. Er durchsuchte die Sternenkarten nun schon seit über vier Arn und verglich die Informationen mit den Erinnerungen seiner Reisen durch die Unerforschten Territorien. Jeder Befehl, jede Fußnote die er ansah, erschienen auf einer Station auf Scorpius’ Kommandobrücke und wurde für spätere Analysen aufgezeichnet. Langsam hatte er seine Suche erweitert, bis er sich Modelle dieser Galaxie und einiger weiterer in der Nähe ansah. Crichton schien nach einer besonderen Art von Galaxie zu suchen, denn er sortierte ein Bild nach dem anderen aus. Er verweilte einige Momente bei der oberflächlichen Darstellung einer abgeflachten Spiralgalaxie, und fuhr dann mit der Suche fort. Aber diese kleine Pause war ein Hinweis und als er zwei mal zu diesem Bild zurückkehrte, wusste Scorpius dass es eine besondere Bedeutung für den Menschen hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach war dies seine Heimatgalaxie. Von seiner Station aus rief Scorpius die Informationen über diese Galaxie auf. Die Infos waren dürftig, eigentlich nur ein Hinweis, der von einer Rasse kam, die einige Daten von den Wesen geerbt hatten, die sich die Alten nannten. Für die Entdeckung und Erforschung durch die Peacekeeper und ihre Verbündeten und Feinde viel zu weit entfernt, war diese Galaxie einfach nur eine wissenschaftliche Kuriosität. Bis jetzt. Falls Crichton wirklich aus diesem entfernten Winkel des Universums stammte, bedeutete das, dass ihn das Wurmloch viel weiter getragen hatte, als es selbst Scorpius jemals für möglich gehalten hätte. Es war ein Zeugnis der Kraft der Wurmlöcher und eine Bestätigung dafür, dass Scorpius recht damit hatte, so viel Wert auf seinen gefangenen Wissenschaftler zu legen. Es war Zeit Crichton aufzusuchen und ihm einen weiteren Grund zur Zusammenarbeit zu liefern. John hörte das vertraute Klicken und sah von der Konsole hoch, als sich die Tür öffnete und Scorpius eintrat. Scorpius lächelte. Kein Zweifel, seine Bewacher hatten ihn in dem Moment informiert, als John Zugriff auf die Daten in der technischen Station nahm. Er musste erfreut sein, dass John letztlich doch kooperierte. John hatte versucht, die wahren Ziele seiner Suche zu verschleiern, aber er wusste nicht wie erfolgreich er damit war. Er war nicht in der Lage der Versuchung zu widerstehen und sah sich die Spiralgalaxie ein zweites und dann noch ein drittes Mal an, während er sich fragte ob es wirklich die Milchstraße war. Als Scorpius näher kam, konnte John die Anspannung fühlen und die bekannte Unterströmung der Furcht, die der Anblick von Scorpius immer mit sich brachte. Egal wie freundlich seine Behandlung während der letzten Tage auch war, ein Teil von ihm erinnerte sich noch immer an die Schrecken der Gammakbasis und daran, dass Scorpius die Ursache dieses Leidens war. „Ich habe hier etwas, was du verloren hast,“ sagte Scorpius. „Etwas, was du vielleicht für wertvoll halten wirst.“ Scorpius zog ein kleines Objekt aus seinem Gürtel und warf es ihm zu. John griff zu und fing es automatisch. Er ließ die Hand sinken, öffnete die Faust und sah ein Mikrokassettenband. Eines seiner Mikrokassettenbänder mit dem IASA-Logo und einem handgeschriebenen Schild darauf. „Woher hast du das?“ Seine Brust wurde eng. Alle diese Bänder waren auf Moya. Hatte Scorpius sein Wort gebrochen? Waren seine Freunde und Moya nun Gefangene? „Das Band enthält die Experimentaldaten aus dem Dam-Ba-Da-Depot. Sobald ich einmal wusste, dass sie dort waren, habe ich Schritte unternommen um sie zu erhalten.“ John drehte das Band in seiner Hand um. Er hatte nie damit gerechnet, diese Daten noch einmal wieder zu sehen. Dam-Ba-Da bot die einzigartige Möglichkeit vorhersagbarer zyklischer Sonneneruptionen. Während dieser Eruptionen hatte John das Farscapemodul für den Versuch genutzt, die Bedingungen des Wurmloches auf der Erde erneut herzustellen. Er war nah dran gewesen. Sehr nah, aber das Proto-Wurmloch war instabil und John war gezwungen auf dem Planeten zu landen und Reparaturen am Farscapemodul durchzuführen. Im Gegenzug für die Reparaturen war er gezwungen, die Informationen, die er während des Tests gesammelt hatte, einzutauschen. Es war nur eine weitere Erinnerung daran, dass Scorpius viel zu viel über ihn und seine Erfahrungen wusste. John konnte sich nicht erinnern, dass Scorpius ihn nach der Zeit im Dam-Ba-Da-Depot gefragt hatte, aber sicher war es ein Teil der Erinnerungen, die ihm der Aurorastuhl entrissen hatte. Tatsächlich war viel von den Sitzungen im Stuhl bestenfalls verschwommen, einfach nur verwischte Eindrücke von Schmerz, Verwirrung und dem verzweifelten Kampf seinen Geist darauf zu konzentrieren, seine Freunde nicht zu verraten. „Ich habe schon meine eigene Analyse der Daten vorgenommen, und die Ergebnisse in die technische Station eingegeben. Ich wüsste gern, ob du mit meinen Ergebnissen überein stimmst.“ Fuhr Scorpius fort. Die Testergebnisse waren wertvoll. In weniger als vier Zyklen würden sich die Sonnenflecken wiederholen und die Mechanikerin Furlow hätte die Gelegenheit die Daten, die das Band enthielt, zur Herstellung eines eigenen Wurmloches zu nutzen. Sie war John nicht so vorgekommen, als würde sie einen so wertvollen Posten einfach weggeben. „Was ist mit Furlow passiert?“ fragte John. „Das soll nicht deine Sorge sein.“ „Du hast sie getötet, stimmts?“ Es war die offensichtliche Antwort, aber er wollte Scorpius dazu zwingen es zuzugeben. „Sie war ein Sicherheitsrisiko. Auch wenn sie den Wert der Daten die du gesammelt hast begriff, so mangelte es ihr doch an der Fähigkeit neue Einsichten zu dieser Forschung beizutragen. Sobald dies klar war, hatte sie keinen weiteren Nutzen mehr. Sie wurde als Sicherheitsrisiko beseitigt.“ Diese routinierten Worte lösten ein Frösteln bei ihm aus. Es war eine weitere Erinnerung daran, dass Scorpius völlig rücksichtslos beim Erreichen seiner Ziele vorging. In der Tat wurde John selbst auch nur deshalb lebend gefangen, weil es zufällig in Scorpius’ Pläne passte. In dem Moment, in dem er keinen weiteren Nutzen mehr für ihn hatte, würde er John töten, so wie Furlow. Gilina wurde getötet weil sie versuchte ihm zu helfen. Furlow wurde einfach nur deshalb getötet, weil sie ihn kannte und die Sonneneruptionsdaten getauscht hatte. Für wie viele andere Tode war er noch verantwortlich, direkt oder indirekt? John ließ den Kopf hängen. Der Tod folgte ihm seit dem Moment seiner Ankunft. Es stimmte, Tauvo Crais’ Tod war nur ein Unfall. Aber es hatte nicht lange gedauert bis John lernte was es hieß zu töten, das Leben eines anderen intelligenten Wesens absichtlich auszulöschen. Und immer hatte er das genauso beiläufig getan, ohne nachzudenken. Es war kein Wunder dass er nun, als er in sich selbst hineinsah, den Mann nicht wiedererkannte, der er geworden war. „Würdest du mir eine Frage beantworten?“ fragte er, während er langsam den Kopf hob. „Frag.“ „Wie viele Peacekeeper habe ich getötet als ich die Gammakbasis zerstörte?“ Scorpius Gesichtsausdruck war vorsichtig zögernd, und John wusste, dass ihn diese Frage überraschte. „Dutzende? Hunderte?“ fragte John. „Ich habe geahnt, dass du einen Weg finden würdest die Basis anzugreifen, also habe ich die Evakuierung angeordnet,“ sagte Scorpius langsam. „Mehr als die Hälfte der Besatzung entkam und brachte lebenswichtige Datenkerne mit heraus. Trotzdem hat dein Angriff großen Schaden angerichtet. Monatelang gesammelte wertvolle Forschungsdaten gingen verloren, ebenso wie Hunderte des Personals.“ Das tote Personal erwähnte er nur wie einen nachträglichen Einfall. Es war klar, dass Scorpius sich mehr Sorgen um die verloren gegangenen Daten machte. John schloss die Augen und schluckte hart. Ein paar hundert. Das machte ihn zu einem Massenmörder. Es half nicht zu wissen, dass andere den Plan mitentworfen hatten und an der Ausführung beteiligt waren. Es war Johns Entscheidung gewesen, die Kettenreaktion in Gang zu setzten. Die Verantwortung für das was passiert war, lag bei ihm und er konnte seiner Schuld nicht entkommen. „Ich dachte nicht nach. Ich hasste diesen Ort und was man mir angetan hatte. Ich musste zurückschlagen und ihn zerstören,“ sagte er und fragte sich warum er das Gefühl hatte eine Erklärung abgeben zu müssen. „Es dauerte nicht lange...“ Seine Stimme versagte. Es dauerte nicht lange bis ihm das volle Ausmaß dessen was er getan hatte, bewusst wurde. Vielleicht hätte er den Mord an Scorpius noch rational erklären können, oder an Niem, und an den Wachen, die ihn und Stark misshandelt hatten. Aber es gab auch andere in der Basis. Leute die sich gar nicht so sehr unterschieden von Gilina Renaez und Aeryn Sun. Gute Leute, die gefangen waren in der Peacekeeperkultur und einem System, das von ihnen so viel weniger verlangte, als sie sein konnten. Leute die es nicht verdienten von seiner Hand zu sterben. Sein Elend musste wohl auf seinem Gesicht zu sehen sein. „John, sie waren nicht deine Freunde. Sie waren deine Feinde. Es war nur ein Akt der...“ „Halt,“ sagte John scharf. Er öffnete die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich will es nicht hören. Das ist vorbei. Erledigt. Nichts was du sagst, kann das was ich getan habe, richtig machen.“ Sein Ziel, die Basis anzugreifen um eine Ablenkung zu bieten, damit Moya und seine Freunde fliehen konnten, war die Sache wert gewesen. Und doch, um sein Ziel zu erreichen hatte er Mord in ganz großem Stil begangen, eine Tat die ihm früher undenkbar erschienen wäre. Wie sehr hatte er sich in diesen zwei Zyklen verändert? Wie lange konnte er sich noch sagen, dass der Zweck die Mittel heiligte? Wie sehr unterschied er sich nun in Wahrheit noch von Scorpius? Kam vielleicht irgendwann eine Zeit in der auch er Mord ganz einfach als die logische Lösung eines schwierigen Problems ansehen würde? Gab es dann noch immer Taten die er nicht begehen würde? Gab es irgendetwas zu dem er nicht fähig war, bei seinem Bemühen nach Hause zurück zu kommen? Er hatte die Erde als Wissenschaftler verlassen. Und als Entdecker. Nun befürchtete er, dass er als kaltblütiger Killer zurückkehrte. Teil 4 Es war ein Fehler Crichton etwas über die Zerstörung der Gammakbasis zu erzählen. Scorpius hätte die Antwort auf diese Frage verweigern oder einfach sagen sollen, dass eine Evakuierung durchgeführt wurde. Aber er hatte den Menschen missverstanden und gedacht, dass seine Frage ein Versuch war herauszufinden, ob seine Anstrengungen erfolgreich waren. Also hatte er Crichton die Wahrheit gesagt, nur um seinen Fehler dann an der Reaktion des Menschen zu bemerken. Er wusste dass Crichton den Tod seiner Freunde betrauerte. Er hatte nicht begriffen, dass Crichton auch den Tod derer betrauerte, die seine Feinde waren. Crichtons Stimmung hatte sich verfinstert und für den Rest des Tages sprach er nicht ein einziges Wort. Er warf auch nicht einen Blick auf die Testergebnisse von Dam-Ba-Da. Stattdessen zog er sich in die Depression zurück, die ihn ergriffen hatte, als er das erste Mal an Bord kam. Am nächsten Tag war Crichtons geistige Verfassung nicht besser. Als er Scorpius traf war er nur allzu willig zu reden, einen stetigen Strom verbaler Beleidigungen und Drohungen, die Scorpius zu einer Reaktion gegen ihn provozieren sollten. Bewusst oder nicht, Crichton forderte damit seine eigene Zerstörung heraus. Der Mensch hatte Glück dass Scorpius zu intelligent war, um sich provozieren zu lassen. Stattdessen verließ er sich auf seine Geduld und erhöhte die Dosis der Beruhigungsmittel. Es war verführerisch daran zu denken, den Neurochip zu aktivieren und einen Blick in Crichtons Verstand zu werfen. Aber den Chip zum Löschen dieser Erinnerungen zu nutzen wäre gefährlich. Denn Scorpius konnte kein Risiko eingehen. Der Neurochip hatte schon genug Schaden angerichtet. Obwohl der Chip erfolgreich mit dem Löschen von Kurzzeiterinnerungen war, war es doch viel schwieriger Langzeiterinnerungen zu überschreiben, die schon längst assimiliert wurden. Mit diesem Teil von Crichtons Geist herumzuspielen konnte das Wurmlochwissen, welches die Aliens implantiert hatten, unwiederbringlich beschädigen. Einige Tage lang blieb es bei dieser Pattsituation, bis Crichton schließlich selbst aus der Sackgasse ausbrach indem er die Nachricht aussandte, dass er mit Scorpius sprechen wollte. Als er sich auf den Weg zum Quartier des Menschen machte, fragte er sich nach der Bedeutung dieses Treffens. War es nur Crichtons neuester Versuch ihn zu provozieren? Crichton hatte ihn offensichtlich erwartet, denn er sah mit dem Gesicht zur Tür und erhob sich als Scorpius eintrat. „Du musst das beenden,“ sagte Crichton. „Was beenden?“ Crichton hob die Hand und rieb sich energisch den Schädel. „Das. Die Drogen oder was du mir sonst gibst. Es macht mich irgendwie... wuschig.“ Es stimmte, dass die Beruhigungsmittel die neuralen Funktionen unterdrückten. Wuschig konnte man nur schwer als wissenschaftlichen Ausdruck bezeichnen, aber er war genau genug. „John, diese Drogen sollen dir helfen. Du hast selbst gesagt, dass dein Verstand verwirrt und instabil ist,“ sagte Scorpius Crichton nickte. „Ich weiß. Aber es wird nicht besser. Nicht so. Nicht, wenn ich nicht klar denken kann.“ Er zögerte. Er hatte geplant die Beruhigungsmittel nach und nach zu verringern, sobald sich Crichtons geistiger Zustand stabilisierte. Aber vielleicht war was dran an Crichtons Argumenten. Vielleicht war sein Geist in der Lage sich selbst zu heilen, wenn man ihm nur genug Zeit gab. „Tu es, und ich werde für dich die verdammten Testergebnisse durchsehen,“ bot Crichton an. „Und warum würdest du das tun?“ Warum jetzt, nachdem er diese Daten in den letzten Wochen sorgsam gemieden hatte? Was hatte sein Angebot zur Zusammenarbeit hervorgebracht? „Du hast sie doch längst gesehen. Ich werde dir nichts neues erzählen können,“ sagte Crichton. „Ich war der, der sie gesammelt hat. Ich kann sie mir also auch ebenso gut selbst ansehen.“ Die Antwort war logisch genug und ein Beweis dafür dass, egal für wie wuschig er sich hielt, Crichton immernoch fähig zu logischem Denken war. „In Ordnung. Wir werden es auf deine Weise versuchen. Für den Moment,“ sagte Scorpius. Wenn Crichton seinen Teil der Abmachung hielt, dann würde er das auch mit seinem tun. „Danke,“ sagte Crichton und biß sich auf die Lippen als wünschte er sich, er könne zurücknehmen was er da gesagt hatte. Zwei Tage später überraschte ihn Crichton mit der Nachricht, dass er die Analyse der Daten aus dem Dam-Ba-Da-Experiment abgeschlossen hatte. Er war nicht von der Geschwindigkeit überrascht, denn die Analyse war nicht besonders komplex. Aber er hatte erwartet, dass der Mensch versuchen würde die Erfüllung seines Teiles der Abmachung so lange wie möglich zu verzögern. Stattdessen erschien ihm Crichton eifrig und beinahe ängstlich bemüht zu reden. „Erzähle mir erst etwas,“ sagte Crichton. „Warum Wurmlöcher? Warum versucht ihr es nicht mit etwas, das ihr längst habt, so wie den Stellarantrieb zu verdoppeln?“ „John, wenn das ein Versuch der Verzögerung ist....“ „Nur keine Eile. Wir wissen beide, dass die Analyse, die du in die Technische Station gegeben hast, ein Eimer Dren war. Es besteht also kein Grund meine Frage nicht zu beantworten.“ Scorpius nahm direkt gegenüber von Crichton platz und verzeichnete mit Interesse, dass Crichton trotz seiner Nähe kein Zeichen der Furcht zeigte, wie er es früher in seiner Gegenwart getan hatte. Selbst die Gedankenmuster des Menschen waren klarer als zuvor, konzentrierter. Es war, als hätte er einen Weg gefunden, sich selbst zu festigen. Und vielleicht hatte er das auch. „Man braucht lebende Energie um ein Feld zur Stellarbeschleunigung aufzubauen, etwas was die Rasse namens Erbauer gewußt haben muss, als sie die biomechanoiden Leviathane geschaffen hat.“ Erklärte Scorpius. „Unheimlich. Und das habt ihr hingenommen? Kein Versuch herauszufinden wie der Stellarantrieb funktioniert?“ Seit der Entdeckung der Leviathane hatten Peacekeeperwissenschaftler nach einem Weg gesucht den Stellarantrieb künstlich herzustellen, aber bis jetzt ohne Erfolg. Die Forschung war an einem toten Punkt angelangt. „Es gab Versuche die Stellarfähigkeiten in Peacekeeperschiffe zu integrieren, etwas das du selbst gesehen hast.“ „Talyn. Richtig. Das war ein Experiment der besonderen Art, aber trotzdem, warum Wurmlöcher? Hast du sie schon einmal gesehen? Oder tauchen andere Besucher wie ich überall im Peacekeeperraum auf?“ „Nein, Du bist der einzige Wurmlochreisende, den wir je getroffen haben. Aber wir wussten schon seit einiger Zeit von dieser Möglichkeit. Die Datenfragmente, die wir von den Alten haben, sagten uns, dass sie Wurmlochtechnologie nutzten, obwohl kaum etwas darüber bekannt ist, wie sie sie herstellten.“ Es hatte Scorpius beinahe fünf Zyklen Forschung gekostet, ein Miniprotowurmloch in seinem Labor in der Gammakbasis herzustellen. Crichton hatte es geschafft zweimal Wurmlöcher zu bilden, und das innerhalb nur eines einzigen Zyklus. Das erste war ein Unfall, aber das Protowurmloch bei Dam-Ba-Da wurde absichtlich erzeugt. Und all das hatte er ohne die Ressourcen geschafft, die Scorpius zur Verfügung standen und ohne das Wissen der Alten, das erst später in seinem Geist implantiert wurde. „Also jagen all eure Wissenschaftler etwas hinterher, von dem sie glauben dass es existiert aber sie haben keine Ahnung wie sie dorthin kommen sollen? Ist das nicht Verschwendung? Das ist so eine Art Fermats Enigma.“ „Fermats was?“ „Fermats Enigma. Es ist ein bekanntes logisches Problem, bei uns zu hause.“ Crichton lehnte sich vor und begann mit den Händen zu gestikulieren. „Es gab da diesen Mathematiker namens Fermat. Er schrieb, dass er einen einfachen Beweis für einen Lehrsatz gefunden hätte, den zu beweisen zuvor noch nie jemand in der Lage gewesen war. Er hatte nur nicht genug Papier um es aufzuzeichnen. Der Typ ist nun seit dreihundert Jahren tot, und noch immer zerbrechen sich Mathematiker die Köpfe bei dem Versuch, den Beweis zu finden, den Fermat angeblich hatte. Ein ziemlich brillanter Kerl hat es geschafft den Lehrsatz zu beweisen, aber die Antwort war extrem kompliziert und beruhte auf einigen esoterischen Theorien. Es konnte nicht der selbe Beweis sein, den Fermat gefunden hatte, also versucht es der Rest von ihnen weiter.“ Crichton lehnte sich zurück und lächelte, seine Augen auf eine ferne Erinnerung gerichtet. „Sogar DK ist eine Weile darin versackt, bis ich ihn zwang zu den Tatsachen zurückzukehren und an der Farscapethese zu arbeiten.“ „Warst du nie in Versuchung es selbst zu lösen?“ „Warum? Es war Fermats Lehrsatz. Ich hatte meine eigenen Träume und meine eigenen Theorien zu beweisen.“ Scorpius versuchte sich eine Welt voller Crichtons vorzustellen, einen Ort wo Wissenschaftler einfach nur deshalb der Forschung nachgingen, weil diese sie faszinierte. Das war ein undenkbares Konzept für die von den Peacekeepern beherrschten Gebiete, wo Technologie nur nach ihren militärischen Einsatzmöglichkeiten bewertet wurde. Vielleicht war das der Schlüssel zu Crichtons Einzigartigkeit. Ein System, das Entdeckungen um ihrer selbst willen so hoch einschätzte, brachte eine ganz andere Art von Wissenschaftlern hervor. „Und die Daten von Dam-Ba-Da?“ fragte er. „Du musst dir schon etwas besseres ausdenken um mich zu testen,“ antwortete Crichton. „Diese Analyse ist Dren. Ein anderer Eintrittsvektor oder ein schnellerer Anflug hätten gar nichts geändert. Die Aufzeichnungen bestätigen nur, was ich schon vermutet habe. Das Proto-Wurmloch war innerlich instabil. Er brach zusammen bevor es sich richtig formieren konnte.“ Das deckte sich mit seinen eigenen Schlussfolgerungen. Ebenso wie die Miniaturwurmlöcher in seinem Labor, hatte sich das Protowurmloch bei Dam-Ba-Da nicht vollständig etabliert. Ein Zeichen dafür, dass sie mit der Forschung auf dem richtigen Weg waren, dass ihnen aber noch immer das entscheidende Verständnis für das Phänomen fehlte. „Und was ist mit der Lösung, wie man es stabil macht?“ „Weiß ich noch nicht.“ sagte Crichton. „Aber gib mir etwas Zeit und ich finde es heraus.“ Es war kein ehrliches Versprechen. Auf Moya lief die Feier schon einige Stunden, als sich Pa’u Zhaan von ihrem Platz erhob. „Ich werde euch nun verlassen.“ Sagte sie. D’Argo nickte ihr nur mit einem sparsamen Blick zu, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder auf Jothee richtete, seinen frisch entdeckten Sohn. Am anderen Ende des Tisches sitzend, schenkten ihr Rygel und Chiana kaum Aufmerksamkeit, während sie sich ihrem ausgefeilten Trinkspiel widmeten. Aeryn war schon vor einiger Zeit gegangen. Sie behauptete, dass es einige Instandsetzungsarbeiten auf Moya gab, die erledigt werden mussten. Es war eine offensichtliche Lüge, aber mit ungewöhnlich viel Takt hatten die anderen so getan, als akzeptierten sie diese Entschuldigung. Wie bei Aeryn, so waren auch Zhaans Gefühle gemischt. Ihre Freunde über Jothees Rettung mischte sich mit dem Bedauern, das sie über die zwei Freunde empfand, die hier sein sollten um an der Feier teilzunehmen. Stark, der sein Leben gegeben hatte um sie zu retten, und dessen Informationen D’Argo zu seinem Sohn geführt hatten. Und Crichton, dessen mysteriöses Überlaufen die Crew noch immer verwirrte und verfolgte. Mit der Zeit, hatten sie die Tatsache akzeptiert, dass Crichton nicht mehr bei ihnen war. Es war merkwürdig, als zum ersten mal jemand ungeduldig nach Crichton rief, damit er ein technisches Problem löste, nur um sich dann daran zu erinnern dass er fort war. Schnell wurde der Wachplan neu geordnet um die Lücken zu schließen, die seine Abwesenheit hinterließ und sie sah auch nicht mehr länger auf seinen Platz im Gemeinschaftsraum und fragte sich warum er sich verspätete. Rygel hatte einen halbherzigen Versuch unternommen, sich Crichtons Sachen zu sichern, aber er hatte es schnell wieder gelassen, als er D’Argo gegenüber stand. Es wäre für die Crew einfacher zu akzeptieren gewesen, wenn sie etwas über Crichtons Schicksal gewußt hätten. War er noch am Leben, ein Gefangener, gefoltert von Scorpius? Oder war er schon längst getötet worden und sein Geist freigesetzt aus dieser Welt? Aeryn trug noch immer einen tiefen Ärger in sich, und weigerte sich das was geschehen war hinzunehmen. Sie brauchte einen Grund, jemanden oder etwas, das sie verantwortlich machen konnte. Sie war Crichtons Besitztümer durchgegangen und hatte nach irgendeinem Hinweis für sein Verhalten gesucht. Sie hatte sich sogar alle Audioaufzeichnungen angehört, die er während seiner Zeit auf Moya gemacht hatte, doch nur den Inhalt des letzten Bandes teilte sie mit Zhaan. Das Band war beängstigend. Crichton hatte damit angefangen ihm seine Sorge über seine Gesundheit anzuvertrauen und driftete dann in eine seltsame einseitige Diskussion mit jemandem ab, den er wohl für Scorpius hielt. Gereizt befahl er Scorpius ihn allein zu lassen, aus seinem Kopf zu verschwinden. Es gab eine weitere Pause und dann die Formulierung „Ich muss unbedingt daran denken das Zhaan zu erzählen....“ Seine Stimme verstummte, und ließ sie ohne eine Idee zurück was er meinte Zhaan erzählen zu müssen. Die Aufnahme war für ein paar hundert Microts still und dann war Crichton zu hören der anmerkte „Warum das wohl an ist?“ und dann ein Klicken, das anzeigte, dass er das Gerät abgeschaltet hatte. Das Band war ein Beweis für Crichtons Verwirrung und die seltsamen Visionen, die er Aeryn gegenüber erwähnt hatte. Aber es enthielt keine Erklärungen, nur noch mehr Fragen. Es war ein wahres Wunder, dass er in der Lage dazu war, den Anschein von Normalität so lange aufrecht zu erhalten. Zhaan betrat ihr Quartier und drückte den Wandknopf der die Tür hinter ihr schloss und ihren Wunsch signalisierte, nicht gestört zu werden. Aus einem kleinen Raum holte sie ihre Meditationsmatte und Weihrauchstäbchen. Sie legte die Matte auf den Boden, streifte ihre Robe ab und ließ sich dann elegant im Schneidersitz auf der Matte nieder. Sie entzündete die Weihrauchstäbchen und begann das Ritual mit Handbewegungen, während sie die Macht der Göttin anrief. Sie hielt ihre Handflächen nach oben, um ihre Offenheit für spirituelle Führung zu zeigen, befreite ihren Geist von den täglichen Sorgen und begann mit ihrem Meditationsgesang. Sie sankt tiefer in Trance, bis sie eine Ebene erreichte, wo das physische und das geistige Reich in Harmonie nebeneinander existierten. Als sie ihren Geist für die Führung öffnete, sah sie ein bekanntes Wesen. „Stark,“ flüsterte sie. Es war Stark, nicht so wie er in der physischen Ebene erschien, sondern mehr das glühende Wesen aus Licht und Milde, das sie gesehen hatte, als sie mit ihm in der Einheit verbunden war. Es war ein spiritueller Augenblick, hervorgerufen durch ihre früheren Erfahrungen. „Pa’u Zhaan. Es ist gut deinen Geist wieder zu berühren,“ sagte Stark. Seine Stimme war stärker als zuvor, als sei die Dunkelheit, die einst Teil von ihm war, gänzlich vertrieben worden. „Ich habe oft an dich gedacht,“ sagte Zhaan. „Und ich an dich. Ich wäre schon früher zu dir gekommen, aber ich brauchte Zeit um meine Umwandlung von der körperlichen in die Energieform, die ich nun bin, abzuschließen.“ „Energieform?“ „Ja, die Plokavianer waren nur in der Lage meinen Körper zu zerstören. Wie ich gehofft hatte, blieb meine geistige Existenz jedoch intakt.“ Freude erleuchtete ihr Herz als sie erkannte, dass dies tatsächlich Stark war, und nicht nur ein Echo seines Geistes, hervorgerufen durch ihre Erinnerungen. „Ich kann dir nicht sagen wie glücklich mich diese Neuigkeit macht. Lange Zeit habe ich getrauert, weil ich dachte du seist für immer verloren.“ „Ich weiß. Das ist ein Grund warum ich hier zu dir kam,“ antwortete Stark. „Und der andere Grund?“ „Crichton.“ Crichton und Stark waren durch Bande verbunden, die aus ihrer gemeinsamen Gefangenschaft in der Gammakbasis entstanden war. Stark hatte sein Bestes getan, bei dem Versuch Crichton nach seinen Erfahrungen zu heilen, aber er hatte ihr anvertraut, dass er sich des Erfolges nicht sicher war. Sie waren überein gekommen, dass sie nicht mehr für ihn tun konnten, bis Crichton zu ihnen kam und um Hilfe bat. Zu dieser Zeit schien es eine weise Entscheidung zu sein. Nun erst, rückblickend, sahen sie wie falsch sie damit lagen. „Crichton ist nicht hier. Er verließ Moya vor ein paar Wochen und lieferte sich selbst an Scorpius aus,“ erklärte Zhaan. Ein sorgenvolles Flüstern trieb wie grauer Nebel durch die geistige Ebene. „Auch das weiß ich,“ sagte Stark. „ich habe ihn gesehen, aber anders als du kann er meine Gegenwart nicht spüren.“ „Crichton lebt noch? Ist er unverletzt?“ „Physisch ist er unverletzt, obwohl Scorpius ihn gerade so umformt, dass er seine Anweisungen ausführt. Ich habe zugesehen und beobachtet und habe entdeckt, dass Crichton seit der Zeit seiner Gefangenschaft unwissentlich unter Scorpius’ Kontrolle stand. Es wurde ein Gerät tief in seinen Verstand eingepflanzt, das Scorpius die Kontrolle über seine Gedanken und Handlungen ermöglicht.“ „Die Göttin bewahre,“ flüsterte Zhaan. So etwas war eine Scheußlichkeit. „Eine Scheußlichkeit, in der Tat.“ Sagte Stark, der ihre Gedanken teilte. „Kannst du ihm helfen?“ „Ich werde abwarten und sehen. Es gibt eine Möglichkeit. Wenn die Zeit kommt, brauche ich vielleicht deine Hilfe, sofort und ohne Fragen. Kannst du das tun?“ „Sicher,“ sagte Zhaan. „Sage es nur und es wird getan werden.“ „Du bist wohlwollend und gütig,“ sagte Stark. Sein geistiges Abbild hob die Hände bis seine Handflächen ihren gegenüber lagen. Sie griff mit ihren eigenen Händen hinaus und presste ihre Handflächen gegen seine. Sie fühlte das erfreute Leuchten der Zufriedenheit, das von der geteilten Einheit mit einer verwandten Seele herrührte. Dann verblasste das Bild und er war verschwunden. Als Zhaan in die Gegenwart zurück kehrte, sah sie sich einem neuen Dilemma gegenüber. Sollte sie das, was sie herausgefunden hatte mit den anderen teilen? Sie konnte die Wahrheit darüber was mit Crichton passiert war nicht enthüllen ohne ihre Quelle preiszugeben. Und außerdem würde es bedeuten, dass sie den anderen sagen musste, dass Crichton noch immer am Leben und noch immer in großer Gefahr war. Welche Gnade lag darin, ein solches Wissen mit jenen zu teilen, die noch immer um ihn trauerten? Stattdessen würde sie es für sich behalten, bis sie wusste ob es tatsächlich etwas gab, das sie oder der Rest von Moyas Crew für ihren verlorenen Schiffskameraden tun konnten. Teil 5 „Nein, das ist alles neu. Siehst du?“ Crichton gestikulierte in Richtung des Backbordflügels des Farscapemoduls. „Hier waren die Schubraketen. Ich habe sie herausgenommen, damit ich die Kühlflossen des Hetch-Triebwerkes einbauen konnte.“ Crichton fuhr mit der Hand über die Schwinge, stemmte sich dann hoch und spähte ins Cockpit. Alles sah exakt so aus wie er es verlassen hatte. Was entweder bedeutete, dass Scorpius das Modul unberührt gelassen hatte, oder dass die Techniker sehr sehr gut darin waren, Dinge auseinanderzunehmen und sie wieder zusammen zu setzen. Wenn er wetten sollte, hätte er auf die Techniker gesetzt. „Die Schubraketen hatten eine chemische Grundlage?“ „Yup. Und die Maschinen ebenso, auch wenn sie höher entwickelt waren und eine andere Art von Treibstoffgemisch brauchten.“ Maschinen zu entwerfen, die genug Schub für das Farscapeexperiment entwickelten, stellte eine unglaubliche Meisterleistung des Maschinenbaus dar, die zwei Jahre und ungezählte Stunden von seinem und DKs Leben in Anspruch genommen hatte. Diese Maschinen herauszureißen war, als würde man ein Stück von ihm selbst herausreißen, aber es hatte keinen Sinn an ihnen festzuhalten. Es gab keinen Treibstoff für die Maschinen und der neue Hetchantrieb hatte das Modul exponentiell schneller gemacht. „Chemischer Treibstoff, wie du ihn beschreibst, ist ineffizient und masseintensiv. Wie konnte ein so kleines Schiff genug Treibstoff für diese Reise tragen?“ fragte Scorpius. Crichton duckte sich unter die Nase des Moduls und kam auf der anderen Seite wieder hervor. „Du hast meine Erinnerungen gesehen. Dieses Mädchen brauchte den Orbit nicht selbst zu erreichen. Wir haben ein Shuttle genutzt, das mit chemischen Schubraketen gekoppelt ist, die uns aus der Reichweite der Gravitation brachten. Dann wirft das Shuttle die Raketen ab und schafft den Rest des Weges in den Orbit aus eigener Kraft. Dann mussten sie nur noch den Frachtraum öffnen und uns heraus lassen. Ganz einfach.“ „Und das Experiment?“ „Alles wofür ich die Maschinen brauchte, waren ein paar Minuten Hochgeschwindigkeitsbeschleunigung. Danach sollten sie sich einfach abschalten. Wäre alles so gelaufen wie erwartet, hätte ich die Ergebnisse gemeldet, die Maschinen gezündet um mich für den Wiedereintritt auszurichten und hätte mich dann von der Gravitation nach Hause bringen lassen.“ Für den Fall, dass etwas unvorhergesehenes geschah, hatte der Plan vorgesehen, dass er versuchte eine stabile Erdumlaufbahn zu erreichen, um dort auf das Shuttle zu seiner Rettung zu warten. „Ein Gravitationsantrieb?“ Crichton lachte. „Nein, denk nochmal drüber nach. Nur Gravitation, schlicht und ergreifend. Die Farscape fällt wie ein Stein, bis sie die obere Atmosphäre erreicht. Dann wird sie zu einem Gleiter und ich versuche sie dann in einem Stück zu landen.“ Scorpius’ Augen weiteten sich vor Ungläubigkeit. „Das ist eine erschreckend primitive Lösung,“ sagte er. „Hey, da wo ich herkomme ist das eine Kunst. Oder war es wenigstens, als ich sie baute. Vielleicht haben sie inzwischen etwas anderes erfunden.“ Crichton hatte sich oft gefragt, was wohl mit dem Farscapeprojekt in seiner Abwesenheit passiert war. Hatte sein Verschwinden das Projekt erledigt? Oder hatten DK und das Team die IASA überzeugen können, es noch einmal mit dem Prototyp der noch in der Entwicklung befindlichen Farscape II zu versuchen? „Es verblüfft mich immernoch, dass du es in einem solchen Schiff geschafft hast so weit zu kommen“ „An manchen Tagen verblüffe ich mich selbst,“ antwortete Crichton. „Man muss echten Mumm haben um ein IASA-Astronaut zu sein. Nicht wie eure Peacekeeperpiloten. Jedes IASA Raumfahrzeug ist ein Experiment, bei dem Millionen Dinge schief gehen können und man bekommt keine zweite Chance“ Farscape war ein solches Experiment. Gefährlich zwar, aber auch nicht mehr als eine Mondlandung oder als die erste Orbitalmission zum Beispiel. Sie hatten Pläne gemacht für jeden Zufall den sich die IASA ausdenken konnte und waren dann zurück gegangen, um noch ein paar mehr zu überdenken. Die Liste war endlos. Maschinenschäden. Fehler des Kontrollsystems. Die unwahrscheinliche Chance eines Einschlages von Raumschrott oder Micrometeoriten. Die sehr wahrscheinliche Möglichkeit, dass der Farscapeeffekt ihn zu einem unkontrollierten Atmosphäreneintritt zwang, oder dass er mit so hoher Geschwindigkeit von der Erde fort trieb, dass seine beschädigten Systeme das Schiff nicht mehr in der Zeit abbremsen konnten, in der ihm noch genug Treibstoff für den Rückflug blieb. Aber für ein Wurmloch hatte es rein zufällig keinen Plan gegeben. „Ich glaube ein Mangel an Selbsterhaltung ist die wichtigste Voraussetzung für eure Astronauten, wie du sie nennst,“ entgegnete Scorpius. „Kann sein, aber ich habe es bis hierher geschafft, oder nicht? Ich glaube Menschen sind irgendwie eigensinnig was das angeht.“ „Sturheit scheint ein charakteristisches Merkmal dieser Spezies zu sein.“ Crichton beugte sich hinunter um den äußeren Monitor des Hetchantriebes zu überprüfen, der bestätigte, dass sich kein Treibstoff in den Tanks befand und die Batteriereserven an der unteren Grenze lagen. Es war eine kluge Sicherheitsvorkehrung. Nicht dass ein echtes Risiko bestanden hätte, dass er den Versuch wagen könnte das Modul zu stehlen um es für eine Flucht zu benutzen. Er fuhr damit fort das Modul zu inspizieren, und plante dabei bereits die Modifikationen, die er machen würde, wenn er jemals die Möglichkeit dazu hatte. Ein besserer Strahlenschutz für den Anfang, und die Effizienz des Hetchantriebes konnte um vielleicht zwanzig Prozent gesteigert werden, wenn er die Flugkontrolle durch eine Standarteinheit ersetzte. Und das Kontrollsystem konnte auch eine Aufbesserung vertragen... Er hätte dort für Stunden bleiben könne, aber das war nicht der Deal, den er gemacht hatte. „Es ist Zeit,“ sagte Scorpius schließlich. Crichton nickte. „Okay. Sag deinen Technikern sie sollen keinen Mist mit ihr machen. Ich komme zurück,“ versprach er dem Modul. Er warf noch einen Blick zurück und folgte dann Scorpius vom Wartungsdeck. Die Möglichkeit das Farscapemodul zu sehen war ein Entgegenkommen von Scorpius. Ein Geschenk, weil sich der Mensch letztlich doch so benahm, wie er es sich vorstellte. Mit nichts zum Verhandeln, außer sich selbst, hatte Crichton langsam den Wert einer solchen Zusammenarbeit einsehen müssen. Kooperation bedeutete ein Ende der betäubenden Drogen, eine Chance der Langeweile seines Quartiers zu entkommen. Als erstes wurde ihm erlaubt, das Trainingsareal der Offiziere aufzusuchen, wo er jeden Tag durch Übungen versuchte, einen Teil seiner Frustration abzuarbeiten. Heute, im Gegenzug dafür dass er bereit war alles über das Farscapemodul zu er erklären, wurde Crichton gestattet sein Schiff zu sehen, für ein Arn. Er wusste nicht ob Scorpius aufrichtig an dem Schiff interessiert war, wie er behauptete, vielleicht weil er dachte dass es etwas besonderes in seinem Design gab, was seine Interaktion mit Wurmlöchern erklärte. Oder ob Scorpius auch das nur als weiteren Weg nutzte, um so viele Informationen aus ihm heraus zu bekommen wie möglich. Es war nicht so, dass er ihm besonders viel Widerstand entgegen setzte. Genau genommen war das Farscapemodul noch immer eine Quelle des Stolzes für ihn. Er hätte Stunden darüber reden können, und ganz anders als bei seinen Freunden, waren Scorpius’ Augen nicht glasig geworden vor gelangweiltem Unverständnis, als Crichton die Änderungen des Maschinenaufbaus erklärte, die er vorgenommen hatte. Auf eine Art war alles sehr viel leichter gewesen, als er noch ein Häftling in der Gammakbasis war. Einfacher. Dort war Scorpius der Feind und er das Opfer. Jetzt wusste er nicht was er denken sollte. Während die Tage verstrichen, wurde es immer schwerer für ihn seinen weißglühenden Zorn aufrechtzuerhalten, der ihm bisher Stärke verliehen hatte. Dieses mal hatte ihn Scorpius weder bedroht noch verletzt. Stattdessen bot er Crichton das Wissen an, nach dem er sich sehnte und die Möglichkeit die Theorien zu entwickeln, die ihn zurück nach hause führen würden. Es war eine beinahe unwiderstehliche Versuchung. Wenn er doch nur nicht allein wäre. Auf der Gammakbasis gab es Stark, der die Gefangenschaft mit ihm teilte, und seine Freunde, die ihm fliehen halfen. Hier gab es niemanden der ihm half, niemand mit dem er reden konnte. Niemanden, außer Scorpius. Von Anfang an hatte Scorpius ihn sorgfältig isoliert gehalten. Außer der Wache, auf die er bei seinem ersten Fluchtversuch einige Sekunden lang einen Blick werfen konnte, hatte er niemanden zu Gesicht bekommen. Es war, als seien er und Scorpius die einzigen beiden existierenden Wesen. Er wusste, dass Scorpius nur Psychospielchen mit ihm spielte, aber das bloße Wissen darum reichte nicht aus, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Sein erster Fluchtversuch hatte ihn zwei Meter weit gebracht. Sein nächster Versuch endete bevor er begonnen hatte. Crichton zerbrach sich den Kopf bei dem Versuch einen Weg hier heraus zu finden, aber ohne Erfolg. Scorpius hatte alle Vorteile auf seiner Seite. Er hatte Möglichkeiten ihn rund um die Uhr zu überwachen und er hatte das verdammte Halsband, mit dem ihn seine Wärter innerhalb eines Momentes bewusstlos machen konnten, wenn er Anzeichen dafür zeigte, dass er von ihren Regeln abwich. Die Umgebung war zwar weitaus besser, aber trotz allem blieb es eine Hochsicherheits-Gammakbasis. Nur dass es dieses Mal keinen freundlichen Techniker gab, der für eine Ablenkung sorgte, oder einen früheren Peacekeeper der einen Überfall aufführte um ihn zu retten. Dieses Mal war er allein. Als Scorpius in das Kommandozentrum schritt, schenkten ihm die Techniker und diensthabenden Offiziere sofort strenge Aufmerksamkeit. Sie waren eine gute disziplinierte Crew unter Captain Crais, doch sie hatten eine ungleich größere Disziplin und Effizienz unter ihrem neuen Commander erreicht. Jeder an Bord hatte verstanden, dass es keinen Platz für Versagen oder Fehler gab. Lieutenant Braca kam zu ihm. „Sir, alles läuft so, wie sie es befohlen haben. Wir werden die Versorgungsbasis in sieben punkt vier Arn erreichen, und sie haben bestätigt, dass sie die Materialien haben die sie angefordert haben.“ Nachdem er Crichton zurück geholt hatte, hatte Scorpius befohlen dass der Kommandotransporter die Unerforschten Territorien verließ und in den von Peacekeepern kontrollierten Raum zurück kehrte. Es bestand kein Grund seine Beute aufs Spiel zu setzen. Nun, nach Wochen der Reise, erreichten sie die Versorgungsbasis, die den äußeren Rand des Peacekeeperreiches markierte. „Und der Gefangene?“ „Die Techniker haben ihre Analyse seiner Forschungen der letzen Tage abgeschlossen. Der Bericht ist im System, versiegelt unter ihrem persönlichen Code.“ „Gut,“ sagte Scorpius. „Wegtreten.“ Scorpius saß auf dem Kommandostuhl und seine Finger strichen über die Konsole. Die Analyse der Techniker wurde angezeigt. Es gab keine dramatischen Erkenntnisse, er war weitgehend erfreut von dem was er sah. Der heikle Prozess Crichton umzuformen ohne ihn zu brechen, verlief wie geplant. Unter seiner Fürsorge, erholte sich Crichton langsam. Er war noch nicht geheilt, aber er war auch nicht mehr in unmittelbarer Gefahr in den Wahnsinn abzurutschen. Nach seinem anfänglichen Widerstand, hatte sich Crichton in die bereitgestellten technischen Daten vertieft, als wären sie Lebensadern, und vielleicht waren sie das ja wirklich. Nachdem er einmal begonnen hatte, war er nicht mehr aufzuhalten. Nachschlagedatenbanken, Testresultate, theoretische Modelle, er verschlang alles mit unersättlicher Neugier. Es gab sogar Zeiten in denen er vergaß zu essen oder zu schlafen. Als er begann das Wissen aufzunehmen, hatte er endlose Fragen. Crichton war ziemlich gut darin, die Lücken in den Informationen, die man ihm gab, aufzuspüren und mehr zu fordern. Crichtons Ausbildung hatte ihm ein grundsätzliches Modell des Universums geliefert, das sich fein von der Art, wie sebacianische Wissenschaftler solche Quantenphänomene erklärten, unterschied. Trotzdem konnte man nicht sagen, dass Crichtons Training nur eine Verpflichtung darstellte. Im Gegenteil, der Farscapeeffekt, den er vorhergesagt hatte, war etwas, auf das Peacekeeperwissenschaftler nie gekommen wären, oder was sie schon längst wieder vergessen hatten. Und dennoch war Crichton noch immer nicht willens, über seine Theorien zu reden. Sorgfältige Analysen seiner Forschungen hatten ergeben, dass er das Wurmlochproblem von einer völlig anderen Seite aus anging, beginnend mit dem magnetischen Schereffekt, den die Sonneneruptionen auslösten. Wie viel dieser Beharrlichkeit stammte aus Crichtons eigener Eingebung und wie viel wurde durch die Führung verursacht, die die Alten ihm implantiert hatten? Das war die interessante Frage über die es nachzudenken galt. Ein leises Läuten ertönte und Scorpius berührte das Commgerät. „Sir, das Verhalten des Gefangenen wird zunehmend unberechenbarer.“ Berichtete Fähnrich Kelvar, der einer von jenen war, die den Auftrag hatten, Crichton zu überwachen. „Möchten sie, dass wir ihn ruhig stellen?“ Scorpius drückte einen anderen Knopf und das Überwachungsbild von Crichton erwachte auf dem Schirm vor ihm zum Leben. Dieses mal war Crichton nicht an der technischen Station, stattdessen schritt er im Raum auf und ab. Als er die entferntere Wand erreichte blieb er stehen und schlug mit der Faust dagegen. Scorpius runzelte die Stirn. Es war Wochen her, seit etwas so einen Anfall von selbstzerstörerischem Verhalten ausgelöst hatte. Er hatte gehofft dass Crichton inzwischen darüber hinweg wäre, aber offensichtlich hatte er unrecht. „Unternehmen sie nichts,“ befahl er dem Fähnrich. „Ich sehe es mir selbst an.“ Als er Crichtons Quartier erreichte, hatte der Mensch mit dem Herumlaufen aufgehört, aber er schlug weiterhin mit monotoner Regelmäßigkeit mit seiner rechten Faust gegen die Wand. Seine Knöchel bluteten. Flecken roten Blutes zierten die Wand, die technische Station, die Tür und andere Objekte, die Ziele von Crichtons Zorn geworden waren. Glücklicherweise gab es nichts Zerbrechliches in diesem Quartier... außer Crichton selbst. Crichton sah ihn eintreten, aber er nahm ihn nicht zur Kenntnis. „Du wirst dieses Verhalten einstellen,“ sagte Scorpius. Crichton ignorierte ihn. Als er seine Faust für einen weiteren Schlag zurück zog, hielt Scorpius seinen Arm fest. „John, halt dich unter Kontrolle, oder ich werde es für dich tun.“ Crichtons Blick traf seinen und machte ihm klar, dass er diese Drohung ausführen würde. Dann, nach einem langen Moment, nickte er unmerklich und schüttelte Scorpius’ Griff ab. Er ließ den Arm an seine Seite fallen und war sich anscheinend dabei des Blutes nicht bewusst, das langsam auf den Boden tropfte. „Du hast dich selbst verletzt,“ sagte Scorpius. Crichton trat zurück. Er hob die Hand und bewegte die Finger. „Mir geht es gut,“ sagte er. „Siehst du? Nichts gebrochen.“ Die Verletzungen waren oberflächlich. Der Grund dafür war es, den er verstehen musste. „Du solltest vorsichtiger sein,“ sagte Scorpius. „Warum? Ich dachte, das würde dir gefallen. Ein bisschen Schmerz sehen. Ist das nicht dein Stil?“ forderte Crichton ihn heraus. Nun versuchte Crichton ihn zu provozieren, ein weiterer Rückfall in sein früheres Verhalten. Es ergab keinen Sinn. Der Überwachungsreport hatte nichts Ungewöhnliches während der letzten Tage aufgezeigt. Also was hatte das verursacht? Scorpius setzte sich neben die Tech Station, sorgfältig darauf achtend, dass seine Körpersprache nicht bedrohlich wirkte. „John, was ist los?“ Crichton schüttelte den Kopf. „Du musst mit jemandem reden. Und es ist niemand sonst hier,“ sagte Scorpius. Crichtons Bedürfnis emotionale Bande zu anderen zu knüpfen war seine größte Schwäche. Wenn es dazu kam, dass er eine Wahl treffen musste, hatte er emotionale Werte immer über logische gestellt. Man musste nur die Peacekeepertechnikerin Gilina Renaez betrachten. Crichton kannte sie nur ein paar Tage und dennoch hatte er Qualen durchlitten, um sie zu schützen, als er in der Gammakbasis auf dem Aurorastuhl saß. Es war eine Schwäche, die unter den Peacekeepern niemals toleriert worden wäre. Genauer gesagt, hätte man ein so sensibles Projekt wie Farscape niemals jemandem mit einem so offensichtlichen Charakterfehler anvertraut. Und doch waren diese Fehler der Schlüssel zum Verständnis dessen, was Crichton antrieb, und nun auch wie man ihn kontrollierte. Scorpius hatte vor diese Schwäche auszunutzen. Das war der Grund, weshalb er Crichton so gründlich isolierte, um sicherzustellen, dass er zu niemandem sonst eine Beziehung aufbaute. Crichton setzte sich auf den Rand der Schlaffläche und hielt seine verletzte linke Hand in der rechten. „Heute sind es 1,96 Zyklen seit meiner Ankunft,“ sagte er. „Ich verstehe nicht.“ „Eins punkt neun sechs Zyklen. Das sind zwei Erdenjahre,“ sagte Crichton. „Heute vor zwei Jahren bin ich verschwunden.“ Scorpius wartete geduldig. Er ließ die Stille sich zwischen ihnen ausbreiten, bis Crichton wieder sprach. „Sicher haben sie bei der IASA die Flaggen auf Halbmast gezogen. Sie werden eine Gedenkminute einlegen zum Zeitpunkt des Tests. Die Touristen werden fragen was los ist und die Tourführer werden sie an die Mission erinnern.“ Crichton holte tief Luft. „Ein paar besonders nette Reporter werden meinem Dad hinterher jagen und ihn fragen wie er das, was passiert ist, mit sich selbst vereinbaren kann. Ob er das Raumprogramm noch immer unterstützt und ob es das Leben seines Sohnes wert war.“ Crichtons Stimme zitterte, als er seinen Vater erwähnte und in seinen Augen standen unvergossene Tränen. „Du vermisst deine Heimatwelt,“ sagte Scorpius in dem Versuch ihn da heraus zu ziehen. „Ich vermisse das alles. Dad. DK. Meine Schwestern. Gott, ich kann mir nicht vorstellen was sie durchgemacht haben. Was sie immernoch durchmachen. Und ich möchte sie sehen. Nur um zu wissen was los ist. Um zu wissen, dass sie okay sind und um sie wissen zu lassen dass ich in Ordnung bin.“ Als er über seine Heimatwelt sprach war es interessant, dass er an sie in Form der Leute dachte, die er verlassen hatte. „John, du weißt was du tun musst. Ich kann dir helfen, aber es liegt nur an dir.“ Crichton rieb sich die Augen mit dem Ballen seiner linken Hand und wischte die Tränen fort, die er zurück gehalten hatte. „Richtig,“ sagte er, mit einem bitteren Lachen. „Alles was ich tun muss, ist dir den Zugriff auf die Wurmlochtechnologie zu geben. Und gleichzeitig gebe ich den Peacekeepern eine Karte zu meiner Heimatwelt, und die Möglichkeit sie zu erreichen.“ „Du überbewertest die Bedeutung eines niedrig technisierten Hinterwäldlerplaneten.“ erwiderte Scorpius. „Wirkliche Macht liegt hier, in der Zivilisation der Galaxis.“ Tatsächlich, selbst mit dem Vorteil der Wurmlochtechnologie, würde es die Peacekeeper Zeit kosten ihre Position in der Galaxie zu festigen und zunächst die Scarraner und Nebari und dann die Unerforschten Territorien unter ihre Kontrolle zu bringen. Viele Zyklen würden vergehen, bis die Peacekeeper so weit waren ihre Aufmerksamkeit auf irgend etwas anderes zu richten. „Also willst du mir sagen ich soll dir vertrauen?“ „Ob du mir vertraust oder nicht ist irrelevant. Du wirst niemals nach Hause kommen, wenn du keinen Weg findest ein weiteres Wurmloch zu erschaffen,“ sagte Scorpius „Die Frage ist also, wie sehr willst du nach Hause kommen?“ Teil 6 Wann war aus unfreiwilliger Zusammenarbeit eigentlich aktive Kollaboration geworden? Crichton wusste es nicht. Er konnte sich nicht an eine bewusste Entscheidung erinnern, aber an irgendeinem Punkt musste er diese Linie überschritten haben. War es als er die erste von Scorpius’ Fragen nach seiner Forschung beantwortet hatte? Der Moment als er einverstanden gewesen war, sich die technischen Daten anzusehen? Oder geschah es viel früher, in jenem ersten Moment, als er Scorpius’ Ultimatum akzeptiert und sich an ihn ausgeliefert hatte? Er machte wirklich keinen Unterschied mehr. Er hatte seinen Weg gewählt, und er würde ihm weiter folgen. Er hatte sich in die Forschung gestürzt und fand in der unerschütterlichen Weiterführung seiner Untersuchungen die Konzentration die er brauchte, um seine Gesundheit und sein Selbstverständnis zu bewahren. Scorpius hatte mit einer Sache recht. Bis Crichton das Rätsel der Wurmlochreisen nicht geknackt hatte, gab es für ihn keine Hoffnung auf eine Heimkehr. Er musste Vertrauen in seinen Erfolg haben, in seine eigenen Fähigkeiten. Er konnte das Rätsel lösen, wenn er nur weitermachte. Und schließlich würde er irgendeine Gelegenheit finden sich zu befreien und nach hause zu kommen. Scorpius hatte ihm versprochen ihn zu entlassen sobald er keinen weiteren Nutzen mehr für ihn hatte. Aber Crichton wusste es besser, als so einem Versprechen zu trauen. Sein Wert würde höchstens noch steigen, wenn er die Wurmlochgleichungen löste. Scorpius würde nie einen Gefangenen frei lassen, damit er sein Wissen vielleicht mit anderen teilte. Er hatte mehr Wissen erworben, als es selbst Scorpius erwartet hatte. Es hatte ihn Tage gekostet, aber schließlich entwickelte er ein Programm, das die Aufzeichnungen der fernen Spiralgalaxie durchsuchte. Über eintausend Sterne hatten den Parametern entsprochen, die er angab und er zwang sich jede einzelne Aufzeichnung sachlich anzusehen. Das Programm zeigte ihm ungefähre Entfernungen, Richtungsvektoren sowie Lage und Klassifizierung der nächsten benachbarten Sterne. Aufzeichnung sechshundertundfünfunddreißig war das Sonnensystem. Sein Sonnensystem. Die Erde. Endlich wusste er wo zu hause war. Nun musste er nur noch herausfinden, wie er dort hin kam. „Der Kommandotransporter hat das Hecbal-System erreicht,“ gab Scorpius bekannt, als er Crichtons Quartier betrat. „Ist der Plan für den Test fertig?“ „Fast,“ sagte Crichton abwesend, seine Aufmerksamkeit auf den Schirm vor sich gerichtet. „Warum diese Verzögerung?“ Sie hatten sich schon Tage zuvor auf die wichtigsten Dinge des Experimentes geeinigt, als sie dieses System für die Erprobung auswählten. Alles was noch fehlte, waren Crichton und seine Berechnungen der letzten Gleichungen, die den Vektor für den Testflug festlegten. Gleichungen, die den Schlüssel zum Experiment enthielten. Crichton drehte sich in seinem Stuhl herum. „Weil ich es nicht beenden werde, bis du mich den Test selbst fliegen lässt.“ „Das steht nicht zur Debatte,“ antwortete Scorpius automatisch. „Warum nicht?“ „Ich möchte meinen, die Antwort ist offensichtlich.“ Versuchte Crichton beschränkt zu wirken? „Wo liegt das Problem? Das Modul ist nicht schnell genug um deinen Schiffen zu entkommen, und selbst wenn, wohin könnte ich gehen?“ „Und wenn du mit der Kreation eines Wurmloches erfolgreich bist?“ „Das ist es? Sagen wir mal, ich erschaffe ein Wurmloch. Selbst wenn ich das Modul hindurch bekomme, hast du immernoch was du wolltest. Du weißt ganz genau wie ich es gemacht habe und kannst das Phänomen jederzeit wiederholen. Und falls nicht, ist der Test vorbei, ihr bringt mich zurück an Bord und nichts hat sich geändert.“ „Glaubst du, dass der Test erfolgreich sein wird?“ War das der Grund, weshalb Crichton die letzten Gleichungen zurück hielt? Eine letzte Gelegenheit für einen Handel, bevor er Scorpius die Gleichungen übergab, die sie beide suchten? „Nein,“ sagte Crichton und schüttelte den Kopf. „Die Modelle in den Simulationen sahen gut aus, aber ich glaube, dass uns immernoch etwas fehlt. Darum will ich es aus erster Hand wissen, um selbst zu sehen was wir erreicht haben.“ Er hatte es nur für eine Masche gehalten, einen letzten Versuch von Crichton seine Freiheit zu gewinnen, aber seine Wahrnehmung für Wahrheit sagte ihm, dass Crichton nicht damit rechnete, dass der Test erfolgreich war. Und dennoch schacherte der Mensch um diese Möglichkeit. Er erkannte, dass ein Teil von Crichton noch immer den Glauben daran brauchte, dass er ein Pilot und Entdecker war. Er war noch nicht so weit, zu akzeptieren, dass sein Leben, genauer gesagt alles was ihn zu dem machte was er war, sich nun unter Scorpius’ Kontrolle befand. Es war der selbe Teil von Crichton, der die Illusion hegte, dass er sich irgendwann befreien und in seine Heimatwelt zurück kehren konnte. Scorpius konnte es sich leisten ihm diese Illusionen nachzusehen, denn sie spielten ihm genau in die Hände. Crichtons törichte Hoffnung nährte seinen leidenschaftlichen Drang, die Geheimnisse der Wurmlochtechnologie zu lüften, weil das sein einziger Weg nach hause war. Er würde Crichton gestatten, den Test mit dem Modul zu fliegen. Sollte er denken, dass er diesen kleinen Sieg errungen hatte, auch wenn er niemals begriff, dass Scorpius ihn schon längst auf jede Art die zählte geschlagen hatte. „Okay. Ich bin in Position,“ verkündete Crichtons Stimme über den Kommunikator. „Fertig zur Initiierung der Testsequenz auf ihr Zeichen.“ Scorpius warf einen Blick auf die Frau, die neben ihm an der Hauptkonsole stand. Die Technikerin nickte. „Sir, alle Stationen melden Einsatzbereitschaft,“ sagte Cheftechnikerin Finivar. „Die Sensorbojen sind in Stellung, und die Beobachtungsschiffe haben ihre Positionen eingenommen.“ „Haben wir volle Steuertelemetrie auf das Modul?“ fragte Scorpius. „Ja, Sir. Und die Überbrückungskommandos wurden getestet und überprüft,“ sagte Cheftechnikerin Finivar, die seine nächste Frage voraus ahnte. Scorpius sah auf den Sichtschirm, der ein Abbild des Hecbal-Zwillingssystems zeigte. Oben rechts auf dem Schirm war die Primärsonne zu sehen, ein gelb-oranger Stern der epsilon-Klasse. Unten links befand sich der zweite Stern, ein alter weißer Zwerg. Und zwischen ihnen war ein blinkender roter Punkt, der die Position von Crichtons Modul nahe dem gemeinsamen Schwerpunkt anzeigte, dem Punkt um den sich beide Sterne bewegten. Der Plan war, die Wurmlochtheorie zu testen, indem Crichton eine genau berechnete Flugbahn durch diesen gemeinsamen Gravitationspunkt nahm, so dass er den Punkt zur selben Zeit wie die elektromagnetische Welle passierte. Falls Wurmlöcher wirklich ein elektromagnetisches Phänomen waren, wie Crichton annahm, dann sollte der Test einige interessante Ergebnisse liefern. Vielleicht war es nicht gleich ein Wurmloch, aber sicher würde es ihr Verständnis des magnetischen Schereffektes verbessern, der mit den Sonneneruptionen zusammenhing. Als Crichton seinen Plan zum Test der Theorie anbot, hatte er darauf hingewiesen, dass unbewohnte Zwillingssternsysteme etwas gewöhnliches waren, dass Sonneneruptionen jedoch unmöglich vorauszusehen waren. Aber er argumentierte weiter, dass die Wahrscheinlichkeit ein Eruptionsereignis irgendwann vorschrieb, vorausgesetzt man hatte genug Zeit. Scorpius hatte den Menschen überrascht, indem er ihm mitteilte, dass es keinen Grund gab zu warten. Eine Sonneneruption konnte künstlich erzeugt werden, indem man eine Bombe der Nova-Klasse einsetzte. Die Waffen, die er hatte, waren aus Peacekeeperbeständen beschafft worden und warteten auf ihren Einsatz. Von da an hatte es nur noch ein paar Tage gedauert, ein passendes System zu finden und die Testprotokolle zu entwerfen. Den gestrigen Tag hatte der Test mit der Nova-Bombe in Anspruch genommen, und die genaue Berechnung von Geschwindigkeit und Einschlagvektor, die benötigt wurden, um einen Sonnenfleck auf der Primärsonne auszulösen. Nach dem Studium der gestrigen Testresultate hatte Crichton heute morgen einige kleinere Modifikationen an der Flugbahn vorgenommen, die Scorpius überprüft und genehmigt hatte. Ein unglücklicher Nebeneffekt dieses Experimentes war die Tatsache, dass Crichton nun genug über dem Bau und die Fähigkeiten von Nova-Klasse Bomben wusste, um sie beide in die Luft zu jagen. Es gab nur eine Strafe für das Teilen von Staatsgeheimnissen, und das war der Tod. Aber das war ein akzeptables Risiko, wenn man das Endziel in Betracht zog, das er anstrebte. „Du kannst anfangen,“ sagte Scorpius. Die Cheftechnikerin begann mit dem Countdown. „Der Test beginnt auf mein Zeichen, in fünf, vier, drei, zwei, eins, ausführen.“ Präzise auf das Signal starteten die Waffen dröhnend die Nova-Bombe in Richtung Primärsonne. „Einschlag in dreißig Microts,“ verkündete ein Techniker. Scorpius hielt die Augen weiter auf dem Schirm. Als die Bombe detonierte, gab es einen hellen Blitz und dann begann die Sonne einen Strom hellgelber Materie aus der Corona auszustoßen, wie es die Tests voraus gesagt hatten. Doch dieses Mal endete der Ausstoß nicht nach einigen Microts, sondern hielt an, nahm an Größe zu, so dass aus dem schmalen Band von Materie ein Strom wurde. „Oh Dren,“ sagte Crichton bemerkenswert ruhig. „Housten, wir haben ein Problem.“ Auf dem Kommandotransporter begann der Alarm zu ertönen. „Sir, das wird eine unkontrollierte Eruption,“ sagte Cheftechnikerin Finivar. „Das kann ich sehen,“ blaffte Scorpius. Die technischen Anzeigen bestätigten, was seine Augen sahen. Diese Eruption war zwei volle Stärkegrade größer als in den früheren Tests, und sie wuchs noch immer. „Crichton, abbrechen und sofort zurückkehren,“ wies Scorpius an. Er fühlte aufsteigende Sorge. Wie konnte das nur passieren? „Schon auf dem Weg, Bossman,“ kam Crichtons schnoddrige Antwort. „Zeit, wie der Teufel von hier zu verschwinden, bevor wir gegrillt werden.“ Und tatsächlich konnte Scorpius sehen, wie das Modul bereits den Kurs änderte und in eine langgezogene Parabelkurve einschwenkte, die das Modul mit maximaler Geschwindigkeit zum Kommandotransporter zurückbringen würde. In der Ferne fuhr die Sonne mit der Eruption fort. Scorpius stand von seinem Platz auf, unfähig noch länger still zu sitzen. „Vorbereiten auf maximale Beschleunigung aus diesem System, sobald das Modul an Bord ist,“ wies Scorpius Lieutenant Braca an. Sonnenflecken dieser Größenordnung würden die Sensorbojen zerstören und wahrscheinlich auch die wissenschaftlichen Instrumente des Kommandotransporters. Die Vernunft diktierte einen Rückzug. „Warte. Da passiert etwas,“ sagte Crichton. Scorpius sah zurück auf den Sichtschirm. Dort, am gemeinsamen Schwerpunkt, befand sich ein schwacher Lichtschimmer. Er hatte es gerade gesehen, als es auch schon Ringform annahm und sich zu verfestigen begann. „Ich glaube es nicht. Er hat es geschafft. Er hat es wirklich geschafft.“ Rief Lieutenant Braca aus. Sie wurden Zeugen wie sich ein Wurmloch bildete. „Ja,“ sagte Scorpius. „Aber es hat ihre Aufmerksamkeit davon abgelenkt, dass unser Gefangener den Kurs geändert hat und diese Gelegenheit zur Flucht benutzt.“ Lieutenant Braca schluckte nervös. „Crichton, sofort zurückkehren,“ befahl Scorpius. Crichton machte keine Anstalten zu gehorchen. Stattdessen blieb er weiter auf seinem neuen Kurs, in Richtung des Phänomens. „Da ist etwas seltsames...“ begann Crichton. Scorpius drückte den Schalter, der Crichtons Halsband kontrollierte. „Nein!“ protestierte Crichton, als das Beruhigungsmittel in seine Blutbahn schoss. „Holen sie unseren verirrten Wissenschaftler zurück.“ Sagte Scorpius. „Sofort.“ „Ja Sir.“ Sagte Lieutenant Braca. Scorpius ging zur Monitorstation zurück. Einer der Schirme zeigte die Telemetrie des Moduls und dass Crichton eben in die Bewusstlosigkeit hinüber glitt. Ein anderer Schirm zeigte Kurs und Geschwindigkeit, die jedoch konstant blieben. „Stark?“ flüsterte Crichton. Scorpius’ Unbehagen wurde größer. Crichton sollte nicht mehr in der Lage sein zu sprechen. Und warum sollte er den Namen seines früheren Zellengenossen ausstoßen, von jemandem, der laut Crichtons eigener Erinnerung längst tot war? „Das Modul spricht nicht auf unsere Überbrückung an,“ berichtete der Navigationsoffizier. „Die Strahlung von den Sonneneruptionen muss unser Signal überlagern.“ „Dann versuchen sie es noch einmal. Finden sie einen Weg, das Signal zu verstärken und holen sie das Modul zurück,“ befahl Scorpius. Seine Stimme war kühl, aber die Drohung war unmißverständlich. Um ihn herum arbeiteten die Techniker und Offiziere hektisch. Nur Cheftechnikerin Finivar schien ruhig zu bleiben. „Wir haben die Telemetrie des Moduls verloren und sind nicht in der Lage die Abfangjäger zu kontaktieren. Sir.“ Hinter ihm auf dem Schirm, wuchsen noch immer die Sonneneruptionen. Crichtons Finger tanzten über die Navigationskonsole als er die Kursänderung eingab. Mit der linken Hand schob er den Gashebel nach vorn, was die Beschleunigung erhöhte. Seine rechte Hand griff nach den Schaltern, die die Hilfstriebwerke zündeten. Aber seine Hand hielt mitten in der Bewegung inne und seine Augen fegten über die Instrumententafeln. Die Anzeigen waren verrückt, in einigen Fällen lagen sie weit außerhalb der Skala, in anderen Fällen schwankten sie wie wild. „Warte. Da passiert etwas.“ Sagte Crichton. Er hob den Kopf und sah vom Sichtschirm zum gemeinsamen Schwerpunkt der Sterne hinüber. Dort erblickte er einen schwach leuchtenden Schimmer, wo ihm die Vernunft sagte, dass dort kein Licht sein sollte. Er wandte sich wieder den Schaltern zu und begann in Richtung des Phänomens zu fliegen. „Da ist etwas seltsames...“ „Crichton, sofort zurückkehren.“ Befahl Scorpius. Crichton ignorierte ihn, gefangen von dem Phänomen. War das eine Ringform? Tatsächlich, das war es, und vor seinen Augen wechselte es den Farbton von weiß zu gelb und dann zu einem blendenden blau, das den Teil des Wurmloches markierte, der von einem menschlichen Auge wahrgenommen werden konnte. Er fühlte einen scharfen Stich in seinem Nacken. „Nein!“ rief er, aber da war es schon zu spät. Die Droge übernahm die Kontrolle über ihn. Er fühlte wie er fiel, endlos fiel, in die Schwärze die viel weicher war, als der sternenerfüllte Himmel. Als er hinunterstürzte in das Vergessen hörte er jemanden seinen Namen rufen. „Stark?“ flüsterte er. Er konnte Stark nicht sehen, aber er fühlte seine Gegenwart, auf die selbe Weise wie man fühlt, dass die Hand auf der Schulter, die man nicht sehen kann, einem alten Freund gehört, noch bevor man sich umdreht um nachzusehen. „John Crichton,“ kam Starks Antwort. Es war Stark. Seltsam. So war es also wenn man starb. Irgendwie hatte er sich da mehr vorgestellt. Er hatte immer gedacht dass, selbst wenn der Tod für einen Beobachter sofort eintrat, es einen Moment gab, in dem er begriff dass er starb. Einen Augenblick für ihn, um das Unvermeidliche zu akzeptieren bevor es geschah. Aber er hatte den Übergang ohne Vorwarnung hinter sich gebracht. Ohne auch nur das Ausmaß der Gefahr zu begreifen, in der er sich befand, bis es zu spät war. Er wusste noch nicht einmal wie er starb. Oder warum er sich so seltsam fühlte, so losgelöst von allem. Es gab keinen Kummer, keinen Ärger, noch nicht einmal Sorgen. Nur den vorübergehenden Gedanken daran, wie sonderbar sein Leben geworden war und wie es nun endete, nachdem er alles andere überlebt hatte. Und das Wissen, dass Scorpius ausflippen würde, weil Crichton letzten Endes einen Weg gefunden hatte, um ihm zu entkommen. Sein Geist begann davon zu treiben. „Crichton, du bist nicht tot,“ sagte Stark. „Du bist immernoch am Leben.“ „Warum bist du dann hier?“ „Ich bin nicht gestorben. Die Plokavianer zerstörten meinen Körper, aber meine Energieform konnten sie nicht zerstören.“ „Wirklich?“ „In dieser Gestalt kann ich nur die Wahrheit sagen,“ sagte Stark und seine Worte enthielten all die Freundlichkeit, die er vor so langer Zeit schon einmal gezeigt hatte, als er versuchte Crichtons Schmerzen während ihrer Gefangenschaft zu lindern. „Das freut mich für dich,“ sagte Crichton. „Ich habe nicht gewollt...“ Als sie von den Plokavianern verhört wurden, hatte er versucht Talyn mit seiner Aussage zu schützen. Abgesehen von seinen Waffen war Talyn immernoch nur ein Kind, das Schutz und Führung brauchte. Aber er hatte nie gewollt, dass Stark sich opferte um sie zu retten. „Ich weiß,“ sagte Stark. “aber mache deinen Frieden mit dem was geschehen ist, denn ich habe diesen Frieden jetzt. Viel mehr als ich ihn jemals in meiner physischen Gestalt hatte, als ich noch den Hass gegen die Peacekeeper in mir trug.“ „Aber wo sind wir? Und wie kann ich mit dir reden?“ „Das hier ist ein Moment außerhalb der Zeit,“ sagte Stark. „Ohne eine physische Verbindung konnte ich dein Bewußtsein nicht erreichen, also musste ich bis zu dem Moment warten, wenn sich dein Geist im Übergang zwischen der physischen und der Traumwelt befindet.“ „Ich stecke wirklich in Schwierigkeiten. Scorpy hat mich erwischt und dieses mal denke ich nicht, dass ich ausbrechen kann,“ gestand Crichton ein. „Auch das weiß ich,“ sagte Stark. „und ich weiß auch, dass du dich hilflos fühlst, aber ich bin gekommen mit der Hilfe der Alten, um dir etwas anzubieten.“ „Die Alten?“ „Wie meine Rasse, so haben auch die Alten eine duale Natur, und sind fähig zwischen der physischen und der Energieebene zu reisen. Ich begegnete ihnen schon bald nach meinem Übergang.“ „Haben sie mit dir auch ihre Spiele gespielt?“ fragte Crichton, in Erinnerung an sein Zusammentreffen mit den Alten. Sie hatten ihn benutzt, sie ließen ihn glauben, dass er zur Erde zurück gekehrt war, nur damit sie seinen Verstand dazu verwenden konnten, die Reaktionen der Menschen auf außerirdische Besucher zu testen. Es war eine Erfahrung, die ihm den Magen umdrehte, und es machte alles nur noch schlimmer, als er herausfand dass nichts davon real war. Nicht die Erde. Nicht sein Dad. Nichts außer ihm selbst und seinen Freunden von Moya. „Das Wesen, das ich traf, kannte auch dich. Es war fasziniert, dass ich dir begegnet war, aber es war auch bestürzt zu entdecken dass das Wissen, dass sie dir als Geschenk gaben, dich zu einem Ziel für Gefangenschaft und Folter machte.“ Er hatte die Alten oft dafür verflucht, dass sie die Wurmlochgleichungen in seinen Verstand einpflanzten. Und dennoch wusste er tief im Inneren, dass es nur aus Freundlichkeit geschehen war. „Niemand konnte mit der spanischen Inquisition rechnen.“ Sagte Crichton nach einer langen Pause. Er fühlte Starks Verwirrung. „Es ist nicht ihre Schuld,“ lenkte Crichton ein. „Wenn jemand dafür verantwortlich ist, dann ist es Scorpius.“ „John, du hast die Wahl,“ sagte Stark. „Du kannst diesen Ort verlassen und in deinen Körper zurück kehren. Dein Modul wird vom Kommandotransporter aufgelesen und alles wird so sein wie zuvor.“ „Und was ist hinter Tür Nummer zwei?“ „Das Phänomen, das du gesehen hast, war der Beginn einer Wurmlochformation. Ein instabiles Wurmloch, aber eines das vielleicht lange genug besteht, damit du diesen Ort verlassen kannst.“ Es gab einen Moment unmöglicher Hoffnung. „Wird es mich nach Hause bringen? Zurück zur Erde?“ „Nein. Dafür ist es zu instabil. Es kann dich nur über eine kurze Strecke bringen, aber das sollte genügen, um Scorpius zu entkommen.“ Antwortete Stark. Als er die Hoffnung zerbrechen fühlte sagte er sich, dass er genau wusste, dass es unmöglich war. Wenn Stark einen Weg gewußt hätte um ihn nach Hause zu schicken, hätte er es ihm gleich gesagt. „Das Wurmloch wird dich von hier fortbringen, in einen anderen Teil der Galaxie. Mit etwas Glück, bringt es dich an einen Ort, an dem du Hilfe findest,“ sagte Stark. Und wenn er Pech hatte, landete er in der riesigen Leere des Raumes und starb einen langsamen Tod, während seine Lebenserhaltungssysteme versagten. „Die Entscheidung liegt bei dir,“ sagte Stark. „Ich kann keine Versprechungen machen. Selbst die Alten waren nicht sicher, ob das Wurmloch stabil genug ist, damit du es durchqueren kannst, oder ob es vorzeitig zusammenbrechen und dich und dein Modul zerstören würde.“ „Es ist Zeit die Karten neu zu mischen. Lass es uns tun.“ Sagte Crichton. Es gab kein Zögern in seiner Antwort. Vielleicht bekam er niemals eine andere Chance Scorpius’ Kontrolle zu entkommen. Es war jedes Risiko wert. „Die Alten haben mir Navigationsvektoren gegeben, die du in dein Steuersystem eingeben musst,“ sagte Stark. „Das wird ein Problem. Als wir hierher kamen, wurde mein Körper gerade bewusstlos, stimmts?“ fragte Crichton. „Normalerweise ja. Aber nicht wenn du deinen Geist auf die Verbindung mit mir konzentrierst. Las mich deine Gedanken teilen und wir können es gemeinsam tun.“ „Werde ich dich wieder sehen?“ „Wer weiß schon, was die Zukunft bringt?“ Es gab da noch etwas, das er Stark sagen wollte, so lange er noch konnte. „Stark, was auch immer passiert. Danke. Du warst ein guter Freund und ich bin dankbar dafür.“ „Deine Freundschaft hat mir das Leben gerettet,“ sagte Stark. „Ich werde das nicht vergessen, John Crichton.“ Seine Entscheidung war gefallen. Es war Zeit. „Ich bin so weit.“ Sagte Crichton. Er blickte tief in sein Inneres, befreite seinen Geist von Ablenkungen, verbannte alle Zweifel und Sorgen, bis er das stille Zentrum in sich fand, wie Zhaan es ihn gelehrt hatte. Er hielt sich einen Moment in diesem Zentrum, bis er von einem strahlenden Leuchten berührt wurde, an das er sich von einer früheren Vereinigung mit Stark erinnerte. Starks Geist berührte den seinen, dann verschmolzen sie und erfüllten Crichton mit einer Energie, die ihn pulsierendes Leben fühlen ließ, als würde jeder Teil von ihm nun heller und wahrhaftiger leuchten. Und dann fiel er erneut, hinein in die Schwärze. Sein eigener Wille war unzureichend, aber als er Starks Kraft hinzu zog öffnete er langsam die Augen und hob seine rechte Hand. Es war ihr beider gemeinsamer Wille nötig, um seine Hand dazu zu zwingen, die Navigationsbefehle einzugeben. Er drückte auf Ausführen, und das Navigationssystem blinkte grün und zeigte damit an, dass es die Kursänderung akzeptierte. Einen Moment lang empfand er erschöpfte Befriedigung, und dann war er wieder allein und fiel in die Dunkelheit. Durch die Finsternis kam eine vertraute Stimme zu ihm. „John, du kannst fliehen aber du kannst mir nicht entkommen. Ein Teil von Dir wird immer mir gehören. Immer,“ versprach Scorpius. Und dann verschlang ihn die Dunkelheit und er wusste nichts mehr. Die Crew des Kommandotransporters fuhr mit ihnen hektischen Bemühungen fort, aber als Crichtons Modul den Kurs änderte und in Richtung des Wurmloches beschleunigte, wußte Scorpius mit beängstigender Sicherheit, dass es längst zu spät war. Unmöglich. Crichton sollte bewusstlos sein. Und doch hatte er das Halsband und die Drogen irgendwie überlistet. Irgendwie flog er dieses Schiff immernoch und hielt direkt auf das Wurmloch zu. Als das Modul es erreichte, begann das Wurmloch in sich zusammenzufallen, zerrissen von den gewaltigen Gravitationskräften die es erschaffen hatten. „Nein,“ sagte Scorpius. Das Wurmloch war instabil. Sicher sah Crichton das. In das Wurmloch hineinzufliegen bedeutete den sicheren Tod. Vielleicht war es das, was Crichton beabsichtigte, denn seine Flugbahn zeigte kein Zögern. Scorpius ballte die Fäuste in ohnmächtiger Wut, als das Modul in das Wurmloch eintrat und verschwand. Microts später folgte der erste der Abfangjäger, die Crichton eskortiert hatten, ihm in das Wurmloch. Es gab einen hellen Lichtblitz und das Wurmloch kollabierte und verschwand. Einen Moment lang herrschte absolute Stille auf dem Kommandotransporter, als die Crew den Atem anhielt und abwartete wie Scorpius auf den Verlust seiner Beute reagierte. „Die Strahlung erreicht dieses Schiff in fünfhundert Microts.“ Verkündete Cheftechnikerin Finivar. „Bringen sie den Transporter aus diesem System in Richtung deka punkt fünf,“ wies Scorpius an. Die kraftvolle elektromagnetische Strahlung konnte die Instrumente des Kommandotransporters sehr wohl zerstören und mit ihnen alle soeben gesammelten Daten. Und dieses Risiko konnte er nicht eingehen. Nicht jetzt. Nicht, nachdem die Daten alles waren, was ihm von diesem Experiment blieb. Als das Hecbal-System in der Ferne verschwand, drehte sich Scorpius zu Lieutenant Braca um. „Wir werden in das System zurückkehren, sobald die Sonneneruptionen zurück gegangen sind, um weitere Analysen durchzuführen. In der Zwischenzeit senden sie eine Nachricht an alle Peacekeeperbasen und kommandos. Instruieren sie sie, nach der Rückholvorrichtung des Moduls zu scannen und mich zu benachrichtigen, sobald sie ein Signal oder eine Kommunikation des Jägerpiloten auffangen.“ „Aber Sir, sie glauben doch nicht, dass Crichton überlebt hat?“ fragte Lieutenant Braca. „Wir haben doch alle die Wurmlochimplosion gesehen.“ „Ich dachte sie hätten aus dieser Sache gelernt Commander Crichton niemals zu unterschätzen,“ antwortete Scorpius, die Stimme voll sanfter Drohung. Er war schon einmal gnädig gewesen, als Braca Crichtons Überlebenswillen unterschätzt hatte und ihn aus seinem Griff entwischen ließ. Der Lieutenant sollte es besser wissen, statt mit einer zweiten Chance zu rechnen. Lieutenant Braca nickte ruckartig. „Natürlich, Sir. Ich werde die Nachricht sofort abschicken.“ Scorpius kehrte zu seinem Platz zurück und trommelte dort träge mit den Fingern auf die Armlehne. Es war nicht allein Lieutenant Bracas Fehler. Auch Scorpius hatte Crichton unterschätzt. Oder besser gesagt, hatte er nicht begriffen, wie treu Crichton seinem wahren Charakter geblieben war. Ein Wissenschaftler, ja, aber auch ein Entdecker. Crichton hatte es selbst gesagt. Er war ein Astronaut, gewohnt auf der Jagd nach Wissen unglaubliche Risiken einzugehen. Noch bevor das Wurmloch erschienen war, hatte sich Crichton entschieden zu bleiben, und das Phänomen zu beobachten, trotz der großen Gefahr. Er wusste nicht, wie es Crichton geschafft hatte, dem Halsband zu widerstehen und bei Bewußtsein zu bleiben, so dass er mit dem Modul weiterfliegen konnte. Noch wusste er, ob das ein sorgsam ausgetüftelter Plan war, oder ob Crichton einfach nur Nutzen aus der Möglichkeit gezogen hatte, sie sich ihm bot. Am Ende hatte sich Crichton entschieden, auf sein Glück zu vertrauen. Und Glück würde er brauchen, denn das Modul hatte nur für einige Tage eine Lebenserhaltung. Selbst wenn Crichton das Wurmloch erfolgreich durchquerte und es schaffte, dem ihn verfolgenden Jäger zu entkommen, musste er schon ziemlich nah an einem Raumschiff oder einem Sternensystem herauskommen, oder er würde nicht lange genug leben, um an seinem Ausbruch Freude zu finden. Tief im Inneren, mit einer Sicherheit, die sich jenseits aller Logik bewegte, wusste Scorpius dass Crichton am Leben war und dass er überleben würde. Irgendwie. Scorpius hatte Vertrauen in den Einfallsreichtum seines Gefangenen und in das Glück, das ihn so weit begleitet hatte. Crichton mochte seiner Kontrolle entkommen sein, aber das war nur ein zeitweiliger Zustand. Das Wurmloch war zu instabil um den Menschen sehr weit von dieser Gegend wegzubringen. Vielleicht konnte er wieder eingefangen werden. Dann würde Scorpius Crichton zeigen, dass er in der Tat nicht mehr als Scorpius’ Besitz war, und dass es kein Entkommen für ihn gab. Niemals. Teil 7 „Zhaan, komm auf das Kommandodeck. Sofort.“ Selbst durch das Komm konnte Zhaan D’Argos Ärger spüren. „Natürlich,“ erwiderte sie. Trotz ihres Trainings fühlte sie ihren Puls in die Höhe schnellen, als ihr bewusst wurde, dass sie das Raisha-System erreicht haben mussten. Der Moment, auf den sie so lange gewartet hatte, stand nun unmittelbar bevor. Als sie die Kommandozentrale erreichte, fand sie D’Argo vor, wie er hin und her lief. Er wirbelte herum um sie anzusehen. „Wir haben das Raisha-System erreicht,“ sagte D’Argo. „Pilot erzählte mir, dass es hier keinerlei bewohnbare Planeten gibt, keine Kolonie irgendeiner Art.“ Zhaan nickte. „Das hatte ich auch nicht erwartet.“ „Warum hast du uns dann gesagt, dass es hier Delvianer gäbe. Warum hast du uns an diesen Ort gebracht?“ forderte D’Argo. „Eine notwendige Maßnahme,“ antwortete Zhaan kühl. „Wenn ich dir meine Gründe gesagt hätte, dann hättet ihr es nicht getan.“ „Wovon redest du? Was ist hier los? Ich kann aus Pilot keine klare Antwort herausbringen,“ beschwerte sich Chiana, die gerade mit ihrer gewohnt katzengleichen Grazie in die Kommandozentrale geschlichen kam. „Zhaan hat uns angelogen. Es gibt gar keine Delvianer hier.“ „Pilot, sag Moya, dass wir in diesem Sonnensystem bleiben,“ sagte Zhaan. Pilots Gesicht erschien auf dem Projektionsschirm. „Pilot, tu das nicht,“ sagte D’Argo. „Zhaan hat nicht das Recht hier Befehle zu geben.“ „Nicht bis du uns gesagt hast was hier los ist,“ fügte Chiana hinzu. „Und jetzt rede schon!“ Pilot sah unglücklich von einem zum anderen. Warum waren sie und Pilot die einzigen auf diesem Schiff, die sich nicht dazu gezwungen sahen, aus jedem einfachen Wunsch einen Kampf um das Durchsetzen ihres Willens machten? Sie hatten keine Zeit dafür. Sie konnte ein wachsendes Gefühl der Dringlichkeit spüren, ein Gefühl, das nicht wirklich ihr eigenes war. Sie schritt über das Deck bis sie D’Argo Auge in Auge gegenüber stand und ihn herausforderte. „Du wirst es tun, weil ich dich darum bitte. Weil ich es verlange. Das ist nicht mein Wunsch sondern Starks.“ D’Argo verschränkte die Arme vor der Brust. „Stark ist tot.“ „Nein. Er existiert weiter, wenn auch in einer Form die ihr nicht sehen könnt. Stark sagte mir, dass wir Moya hierher bringen und warten sollten.“ „Warten auf was?“ fragte Chiana. „Ist das wichtig?“ antwortete Zhaan. Es hatte keinen Sinn es zu erklären. Die anderen würden es ihr nicht glauben. Sie konnte es ja selbst kaum glauben. Es gab noch immer so viel, was schief gehen konnte. Aber auch wenn nur eine Chance von eins zu tausend bestand, mussten sie es doch versuchen. Zhaan richtete ihre Aufmerksamkeit auf D’Argo. Er war es, den sie überzeugen musste. Chiana würde ihm dann folgen. „Wir werden das für einen Freund tun. Du, ihr alle, seid das Stark mehr als schuldig.“ Sagte Zhaan. D’Argos Gesicht wurde hart bei der Erwähnung seiner Schuld Stark gegenüber. „Wir werden hier für einen Standard-Solartag warten. Es besteht keine Gefahr und der Gefallen ist gering genug, im Gegenzug für ein Leben,“ sagte Zhaan. D’Argo gab ein unverständliches Grollen von sich. „Ich weiß nicht, was für ein Spiel du spielst. Aber du hast recht. Ich schulde Stark mein Leben... und das meines Sohnes. Wenn du es wünschst, diese Schuld in seinem Namen einzufordern, so sei es. Aber in einem Solartag werden wir dieses System verlassen.“ „Ich danke dir,“ sagte Zhaan, den Kopf geneigt. Sie drehte sich zu Pilots Bild um. „Pilot, bitte Moya darum, das Signal auszusenden, das sie benutzt, um ihre Transportermodule zurück zu führen.“ „Aber all ihre Module sind hier...“ begann Pilot. „Pilot, bitte,“ sagte Zhaan. Sie verlor langsam die wenige Geduld, die sie noch hatte. Jeden Moment, den sie mit argumentierend verbrachten, war ein Moment, den sie sich eigentlich nicht leisten konnten. Gerade jetzt versuchte Crichton vielleicht zu fliehen. Und es gab eine Chance, dass die biomechanoiden Komponenten, die er in sein Modul eingebaut hatte, tatsächlich auf Moyas Signal reagierten, wie Stark es vermutete, der ihn auf seiner Reise führte. Pilot nickte, und sie konnte sehen, wie sich seine Arme über die Konsolen bewegten. „Moya hat getan, worum du sie gebeten hast.“ Sagte er. „Wir haben eine Position im Orbit des äußeren Planeten eingenommen und haben mit dem Senden des Rückrufsignals begonnen.“ Zhaan fühlte eine federleichte Berührung über ihre Seele streifen. „Jetzt,“ flüsterte Starks Stimme und sie spürte die enorme Mühe, die es ihm machte sie zu erreichen. Er musste wirklich sehr weit weg sein. Ihre Vorbereitungen hatten also gerade noch rechtzeitig stattgefunden. Sie schloss die Augen, hob die Handflächen nach oben und begann zu singen. „War macht sie jetzt?“ fragte Chiana. „Beten,“ sagte D’Argo, sein früherer Zorn verwandelte sich nun in Verwirrung. Zhaan konzentrierte sich auf ihr Inneres und bat die Göttin über Crichton zu wachen und ihn sicher zu ihnen zu bringen. Versunken in ihrer Andacht, hatte sie kein Gefühl mehr dafür, wie die Zeit verging. Es konnte Microts oder Arns später sein, als Pilots Stimme in ihre Konzentration einbrach. „Moya spürt eine Störung in diesem System,“ verkündete Pilot. „Die Gravitationsfelder fluktuieren.“ Zhaan brachte ihre Handflächen zusammen und beendete ihr Gebet. „Zeig es uns,“ sagte sie. Der Hauptschirm wurde frei, um dann ein Sternenfeld zu zeigen. In seinem Zentrum befand sich eine schimmernde Verzerrung, die sich zu einem Wirbel aus leuchtendem Blau erweiterte. „Was ist das?“ fragte D’Argo. „Ein Wurmloch,“ sagte Zhaan. „Und wenn die Göttin gnädig ist, dann ist es vielleicht Crichton.“ „Crichton?“ Chianas Stimme wurde schrill. „Crichton ist tot.“ „Nein,“ sagte Zhaan einfach. „Crichton ist noch immer sehr lebendig. Stark sagte mir, dass er versuchen würde auszubrechen und dass dies der Ort ist, an dem er zu finden wäre.“ „Du bist verrückt,“ sagte D’Argo. Zhaan hielt die Augen weiter auf den Sichtschirm gerichtet. Sie spürte ihre Hoffnung schwinden als das Wurmloch zu schrumpfen begann. Dann tauchte ein weißes Schiff auf. Ein zweites Schiff, ein Peacekeeper-Prowler, der sich in seinem Schlepptau befand, folgte ihm als das Wurmloch kollabierte. Der Jäger explodierte. Trümmer des Jägers trafen das weiße Schiff, ließen es taumeln und versetzten es in Drehung. „Das scheint tatsächlich Commander Crichtons Modul zu sein,“ sagte Pilot. „Aber es sieht nicht so aus, als ob es jemand unter Kontrolle hat.“ Tatsächlich war die unberechenbare Flugbahn des Moduls ein Besorgnis erregendes Zeichen. Crichton musste bewusstlos sein oder schwer verletzt. Sicher wäre die Göttin nicht so grausam, ihn so weit zu bringen, nur damit er in Sichtweite seiner Freunde starb. „Pilot, benutze das Dockingweb und bereite Moya auf eine Stellarbeschleunigung vor. In dem Augenblick, in dem er an Bord ist, müssen wir diesen Ort verlassen. Scorpius ist vielleicht in der Lage das Wurmloch noch einmal zu öffnen, und wenn er das tut, müssen wir weit weg von hier sein,“ sagte Zhaan. „D’Argo, ich bin in der Krankenstation. Bringt mir Crichton schnell dorthin.“ D’Argo berührte das interne Kommsystem. „Aeryn, triff mich in der Wartungsbucht. Wir haben einen Notfall.“ Er drehte sich um, um zu gehen, aber Zhaan legte eine Hand auf seine Schulter. „D’Argo, sei vorsichtig. Crichton mag sich befreit haben, aber er war für viele Monate Scorpius’ Gefangener.“ D’Argo nickte. Sie musste nichts mehr sagen. Crichton hatte nur knapp seine erste Gefangenschaft überlebt, die nur einige Tage gedauert hatte. Nun war er für Monate unter Scorpius’ Kontrolle gewesen. Es war schwer zu sagen, wie er sich verändert hatte. Zhaan eilte auf die Krankenstation und begann ihre Ausrüstung bereit zu legen, während sie auf Neuigkeiten wartete. Es schien Arns zu dauern, bis Pilot sprach. „Pa’u Zhaan, das Schiff wurde mit dem Dockingweb eingefangen. Moya entdeckt ein hohes Maß an tau-Strahlung,“ Tau-Strahlung konnte für Sebacianer tödlich sein. Sie wusste nicht wie ihre Wirkung bei Menschen war. „Bitte warne die anderen, damit sie Schutzmaßnahmen ergreifen können,“ sagte Zhaan. „Das habe ich bereits getan,“ sagte Pilot zuvorkommend. Zhaan hatte bereits ihre Traumaausrüstung hervor geholt. Nun ging sie noch in den Vorratsraum und sammelte zusammen, was sie für die Behandlung von Strahlenkrankheiten brauchte. Als sie ihre Instrumente auf den Tisch legte, hatte sie einen Moment lang ein Schwindelgefühl und packte die Seiten des Tisches, um sich festzuhalten. Moya hatte die Stellarbeschleunigung durchgeführt, was nur bedeuten konnte, dass das Modul nun an Bord war. Einen Moment später hörte sie Aeryns Stimme durch das Komm. „Wir haben das Modul geöffnet. Er ist am Leben.“ Crichton lag auf einem Bett in der Krankenstation, noch immer bewusstlos. Zhaan hatte für ihn getan was sie konnte, und ihm Mikroben injiziert, die die radioaktiven Elemente aus seinem Körper filterten und die Symptome einer Strahlenvergiftung weitgehend minimierten. Der Robo-Chirurg hatte das Gerät um seinen Hals entfernt, von dem Zhaan wusste, dass es die Drogen enthielt, die zu seiner Kontrolle gedient hatten. Aeryn sah hinab auf seinen stillen Körper. Ein Teil von ihr konnte nicht glauben, dass er zurück gekehrt war, und sie griff nach ihm um seine Hand ein weiteres Mal zu berühren, um sich davon zu überzeugen, dass er tatsächlich aus warmem Fleisch bestand und nicht nur ein Produkt ihrer Vorstellungskraft war. Seit Monaten dachte sie nun schon er sei tot. Ehrlich gesagt, hatte sie gehofft dass er tot war, denn die Alternative, dass er immernoch ein Gefangener war, der von Scorpius gefoltert wurde, war ihr viel schlimmer erschienen. Nun war er zurück gekehrt, ebenso plötzlich und geheimnisvoll wie er sie verlassen hatte, und das warf neue Fragen auf. Wie hatte er es geschafft ein Wurmloch zu erzeugen? Und vor allem, wie konnte er sein Modul stehlen und es zur Flucht vor den Kräften eines ganzen Kommandotransporters benutzen? Sie hatten Glück, dass nur ein Abfangjäger auf der Jagd nach ihm war, und der wurde bei seiner Reise zerstört. Und die vielleicht wichtigste von allen Fragen war, wer da eigentlich zu ihnen zurück gekehrt war? War das tatsächlich der Crichton, an den sie sich erinnerten? Oder jemand anderer? Eines war klar. Zhaan hatte schon seit einiger Zeit gewußt, dass Chrichton noch am Leben war. Sie hatte schon vor über einer Woche um diese Reise in das Raisha-System gebeten, um dieses Rendezvous vorzubereiten. In ihrer Arroganz hatte Zhaan ihr Wissen lieber für sich behalten, anstatt es mit der Crew zu teilen. Aeryn schluckte ihren Ärger herunter. Es war weder die Zeit noch der Ort für so etwas. Es würde später immernoch Zeit sein, Zhaan an die Bedeutung des Wortes Vertrauen zu erinnern. Und daran, wie wenig Aeryn es schätzte, im Dunkeln gelassen zu werden. „Also ist das so eine Art zeitweilige Gehirnwäsche? Nur mit einem Chip, statt mit Drogen?“ fragte Chiana. Aeryn richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Diagnoseschirm, der ein rotierendes Bild von Crichtons Schädel und dem verabscheuungswürdigen Gerät, das in seinem Gehirn eingebettet war, zeigte. „Ich weiß nicht, wie der Neurochip funktioniert. Nur dass er dazu benutzt werden kann ihn zu leiten oder zu kontrollieren,“ sagte Zhaan. „Und das trägt er schon seit der Gammakbasis?“ fragte Aeryn. Zhaan nickte. „So hat Stark es mir gesagt. Selbst John wusste nichts von seiner Anwesenheit.“ Aeryn unterdrückte ein Frösteln. So ein Gerät war tatsächlich ein Horror, sogar noch mehr als es der Aurorastuhl war. Da hatte Crichton wenigstens gewußt, was man ihm antat. Der Chip war eine viel hinterhältigere Art der Folter. Sie versprach sich dass, sollte sie Scorpius jemals begegnen, er einen langsamen und scheußlichen Tod sterben würde. Aber selbst die schlimmsten Qualen, die sie ihm zufügen konnte, würden dieser widerlichen Kreatur nicht das Leid heimzahlen können, das sie anderen angetan hatte. „Ich sage, wir entfernen es. Jetzt. Bevor er aufwacht,“ sagte D’Argo. Zhaan schüttelte den Kopf. „Der Neurochip hat sich in die Struktur von Johns Gehirn integriert. Ihn zu entfernen könnte große Schäden verursachen, oder sogar den Tod.“ „Jedes Risiko ist besser, als John länger einen Gefangenen von Scorpius’ Gerät sein zu lassen,“ sagte D’Argo. Die Entscheidung war leicht zu treffen, wenn es nicht das eigene Gehirn war, das zerstört wurde, falls die Operation erfolglos verlief. Aber er hatte die Logik auf seiner Seite, ebenso wie ihren Instinkt, der sagte, dass alles was Scorpius erschuf, zwangsläufig böse sein musste. „Ich stimme D’Argo zu,“ sagte Aeryn. „Ich würde mit so einem Ding in meinem Kopf nicht leben wollen. Noch würde es Crichton. Wir sollten es jetzt tun.“ „Es ist schon zu viel mit John ohne seine Zustimmung geschehen. Ich werde mich nicht selbst zum Teil einer solchen Tat machen. Wir werden es Crichton überlassen, seine eigene Wahl zu treffen.“ Wandte Zhaan ein. Das einzige was schlimmer als eine selbstgerechte Zhaan war, war eine Zhaan die recht hatte. „Und was ist, wenn Crichton nicht mehr selbst wählen kann?“ fragte D’Argo. „Was dann?“ Die Frage war an Zhaan gerichtet, aber es war Aeryn die antwortete. „Dann werden wir für ihn diese Entscheidung treffen. Als seine Freunde.“ Aeryn saß auf einem Stuhl neben dem Bett, darauf wartend dass Crichton erwachte. Erst dann würden sie erfahren ob er tatsächlich zurückgekehrt war, oder ob er nur ein Fremder war, der seine Gestalt hatte. Aus Vorsicht vor der Kontrolle durch den Neurochip, hatte Zhaan einen Injektor mit einem schnell wirkenden Beruhigungsmittel vorbereitet. Aeryn trug ihre Pulspistole. Sie hoffte inständig, dass nichts davon benötigt wurde. Zhaan saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden und meditierte, während Rygel in der Nähe der Tür herumschwebte. Chiana und D’Argo saßen Seite an Seite auf dem Nachbarbett. Jothee war etwas früher hier gewesen um den Fremden zu sehen, von dem er schon so viel gehört hatte. Aber als sich das Warten von Momenten zu Arns ausdehnte, war Jothee gegangen. Was wahrscheinlich das beste war. Crichton wäre schon verwirrt genug, wenn er erwachte. Abgesehen von der Strahlenvergiftung, die sicher ein Ergebnis seines Fluchtversuches war, zeigte er keine Anzeichen dafür, dass man ihn während seiner langen Gefangenschaft verletzt oder ihm geschadet hatte, was besagte, dass Scorpius keine Folter gebraucht hatte, um zu bekommen was er wollte. Vielleicht war es das Gehirnimplantat oder vielleicht hatte Scorpius auch einen anderen Weg gefunden Crichton zu kontrollieren. Ein Geräusch kam von dem Bett, als Crichton erwachte. „Er wacht auf,“ rief Aeryn. Ihre rechte Hand glitt an ihre Seite um sicherzugehen, dass die Pulspistole locker in ihrem Holster saß. Zhaan erhob sich mit einer graziösen Bewegung auf die Füße und die anderen versammelten sich um das Bett. Crichton öffnete die Augen. Sie dachte, sie hätte ihn in perfekter Erinnerung gehabt, aber da lag sie falsch. Sie hatte vergessen wie blau seine Augen waren. Und wie arglos. Wie unschuldig er zu sein schien, trotz allem was er getan hatte und allem was man ihm angetan hatte. Sie hoffte verzweifelt, dass er noch immer der selbe Mann wie früher war. „Aeryn. Zhaan. D’Argo. Chiana. Hey, Sparky! Verdammt, ist das gut euch alle zu sehen,“ sagte Chrichton leise und schenkte ihnen ein krummes Lächeln. Aeryn und Zhaan tauschten ein paar Blicke. Crichton sollte überrascht sein sie zu sehen. Oder begeistert dass er geflohen war und gerettet wurde. Stattdessen schien er seltsam ruhig zu sein. „Wenn das doch nur real wäre,“ fügte Crichton hinzu. Er sah jeden in der Runde an, als versuche er sich an ihre Gesichter zu erinnern. Dann verzog sich sein krummes Lächeln zu einer Grimasse, und er wandte seinen Blick der Decke zu, oder etwas anderem, das nur er sehen konnte. „Scorpy, ich weiß du bist sauer auf mich weil ich versucht habe zu fliehen. Aber was hast du erwartet? Sag deinen Blödmännern sie sollen mir die Seele aus dem Leib prügeln, wenn du dich dann besser fühlst. Aber hör auf mit diesem Psychospielchen.“ Er hob den Kopf und versuchte sich in die Senkrechte zu kämpfen, nur um schweißgebadet und mit weißem Gesicht aufs Bett zurückzufallen. „Fühlt sich an, als hätte mir schon jemand die Seele aus dem Leib geprügelt,“ sagte er. Er hielt sich noch immer für einen Gefangenen. Aeryn fragte sich einen Augenblick lang was für andere Spielchen Scorpius John noch angetan hatte, dass er eine offensichtliche Halluzination so ruhig hinnahm. „John, lieg still.“ sagte Zhaan. „Du leidest noch unter den Auswirkungen der Strahlenvergiftung. Die Behandlung braucht noch Zeit um zu wirken und deinen Körper zu heilen.“ „Du kamst durch ein Wurmloch,“ erklärte ihm Aeryn. John drehte den Kopf um sie anzusehen. „Sicher. Richtig. Und das Wurmloch hat mich direkt zu meinen einzigen Freunden in der ganzen weiten Galaxie gebracht. Da musst du dir schon eine bessere Story ausdenken als diese.“ Aeryn schob ihr Haar mit der linken Hand zurück. Sie verstand seinen Unglauben. Was konnte sie sagen, um ihn davon zu überzeugen, dass das hier echt war? So viele andere hatten mit seinem Verstand gespielt, hatten ihn versucht zu überzeugen, damit er das irreale glaubte. Was konnte sie sagen oder tun, was nicht andere schon zuvor gesagt oder getan hatten? „John, sieh mich an,“ sagte Zhaan. Sie wartete bis John ihr seinen Blick zuwandte. „Das Wurmloch brachte dich ins Raisha-System. Moya war hier, weil Stark mir gesagt hat, dass wir hierher kommen und auf dich warten sollen.“ „Stark?“ flüsterte John. „Von Stark kann er auf keinen Fall etwas wissen.“ „Erinnerst du dich daran, dass du mit ihm gesprochen hast?“ gab Zhaan zurück. John schluckte krampfhaft, seine rechte Hand tastete ziellos auf der Decke herum. „Stark. Er sagte. Er sagte...“ John schloss die Augen. Aeryn ergriff seine rechte Hand mit ihrer, und als hinge sein Leben davon ab presste er heraus: „Stark half mir zu entkommen. Scorpius hatte mich betäubt, aber mit Starks Hilfe war ich in der Lage, das Modul zum Wurmloch zu steuern. Stark sagte, dass ich vielleicht Hilfe auf der anderen Seite finden würde. Aber euch hat er nicht erwähnt,“ sagte John und öffnete die Augen, die nun voll unvergossener Tränen standen. Die nackte Sehnsucht auf Johns Gesicht war ihr unangenehm. Niemand sollte so offen sein, so verwundbar. „Er war nicht sicher, dass er dich zu uns führen konnte,“ erklärte Zhaan. „Bin ich wirklich hier? Auf Moya?“ wollte John wissen. „Wer sonst hätte wohl den Ärger auf sich genommen, dich und dein erbärmliches Modul zu retten?“ grollte Rygel, aber es lag Zuneigung in seiner Stimme. „Wir sind es wirklich, großer Junge. Du bist zu hause.“ Sagte Chiana und tätschelte seinen linken Arm zur Beruhigung. „Ja, Mensch. Wir sind alle echt. Sogar du,“ sagte Aeryn. Sie versuchte ihn damit ebenso zu beruhigen, wie sich selbst. „Sieh nur, in welche Schwierigkeiten du gerätst, wenn wir nicht da sind, um auf dich aufzupassen.“ John grinste. Dann wurde sein Gesicht ebenso schnell wieder finster. „Scorpius wird mich nicht gehen lassen. Er wird hinter mir her sein,“ sagte er mit aufsteigender Panik. „Er hat Rückholvorrichtungen in mein Modul eingebaut. Und vielleicht auch in mich.“ Er hob die freie Hand und rieb sich den Hals an der Stelle, wo sich das Halsband befunden hatte. „Wir sind auf Stellarbeschleunigung gegangen sobald du an Bord warst,“ sagte D’Argo. „Und die DRDs haben die Rückholgeräte in deinem Modul längst entdeckt und entfernt.“ „Ihr habt nicht alle gefunden,“ sagte John, mit absoluter Überzeugung. „Ihr werdet sie niemals alle finden, bis er uns findet.“ ENDE |
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